Neukamp, Hermann (1927 – 1987) und seine Tsingtau-Sammlung
Wie kam Hermann auf die Idee, in den letzten 10 Jahren seines Lebens sich so intensiv der Geschichte der Tsingtaudeutschen zu widmen? Von seinen Eltern, die 1954 nach Österreich zurück-gekehrt waren, hatte er viele Fotos aus Tsingtau geerbt. Im Jahre 1976 fasste er den Plan, diese für seine Tochter in Fotoalben zu kleben und mit erklärendem Text zu versehen. Literatur über Tsingtau besaß er nicht. So fing er an, ehemalige Schulkameraden anzuschreiben und zu fragen, ob sie einen Stadtplan oder Tsingtau-Führer aus früherer Zeit besäßen. Das war der Fall. Er lieh sich diese aus, kopierte alles und schickte die Originale wieder an die Eigentümer zurück. Dies brachte ihn irgendwie auf den Geschmack. Im Frühjahr 1977 fasste er den Beschluss, ein Tsingtau-Informationsblatt heraus-zugeben. Die Anregung dazu erhielt er durch den von Pfarrer Wolfgang Müller jährlich heraus-gegebenen Rundbrief, der stets aktuelle Informationen über Tientsin- und Chinadeutsche enthielt. Hermann kannte Pfarrer Müller, den er 1943-45 als Lehrer an der Schule in Tientsin gehabt hatte. Aus diesem Grunde erhielt er auch stets den Tientsiner Jahresbericht. Von Dez. 1977 bis Dez. 1986 sind dann, unter dem Namen „Das Deutsche Eck“, 12 Ausgaben dieser Berichtsserie erschienen. Von Ausgabe zu Ausgabe wurde der Umfang größer. Hatte das erste Heft 6 Seiten, gab es bald Editionen mit 24, dann mit 34 Seiten. Der gesamte Text wurde von ihm mit der Schreibmaschine geschrieben. Die ersten Ausgaben wurden noch auf eine Matritze getippt und jedes Blatt mußte abgezogen werden, später gab es dann schon Xerokopierer, was die Vervielfältigung vereinfachte. Eine andere erstaun-liche Leistung war das Auffinden der Adressen ehemaliger Tsingtauer und anderer, die sich für Tsingtau interessierten. 1977 startete Hermann eine umfangreiche Suchaktion, versandte unzählige Anfragen, so dass er zum Schluss 600-700 Adressen hatte, an die er – kostenlos – die Exemplare des „Deutschen Ecks“ versandte. Natürlich haben viele Empfänger Kosten durch Überweisung auf ein Konto erstattet. Es bleibt aber ein Rätsel, wie er diese Arbeitslast bewältigt hat, z.B. eine einzige Edition (34 Seiten) an 600 Empfänger zu versenden. – Da diese merkten, dass Hermann seine Sammeltätigkeit aus purem Idealismus heraus tätigte, ohne jegliche kommerzielle Interessen, wurden immer mehr originale Bücher, Briefe, Fotos, Biographien u.a. seiner Sammlung gestiftet. Hermann Neukamp war ein starker Raucher. Leider ist er viel zu früh am 18.02.1987 an Lungenkrebs gestorben. Die Witwe, Frau Edith Neukamp, hat die Sammlung kostenlos der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek gestiftet. Eine Bedingung war, um die Ganzheit der Sammlung zu bewahren, dass auch die Bücher übernommen wurden. Normalerweise übernimmt eine Handschriften-abteilung keine gedruckten Bücher. Inzwischen gibt es ein gutes Register zu der Sammlung mit der Signatur Ana 517, die jeder im Lesesaal einsehen kann.
