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		<title>Die deutsche „Kaiserliche Gouvernements-Schule“ in Tsingtau 1899 – 1920, ein Reform-Realprogymnasium</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Apr 2012 15:42:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher | Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Die deutsche Schule in Tsingtau ist bis 1914, neben Windhuk in Südwest, wohl die einzige Reichsschule in Übersee gewesen, die vollständig vom Deutschen Reich unterhalten wurde.  Zu Beginn soll die Hauptquelle, die für eine Geschichte der  Schule in Tsingtau 1899 – 1920 zur Verfügung steht, vorgestellt werden.  Ab 1903/04 hat der Direktor jeweils im Juli [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die deutsche Schule in Tsingtau ist bis 1914, neben Windhuk in Südwest, wohl die einzige Reichsschule in Übersee gewesen, die vollständig vom Deutschen Reich unterhalten wurde.  Zu Beginn soll die Hauptquelle, die für eine Geschichte der  Schule in Tsingtau 1899 – 1920 zur Verfügung steht, vorgestellt werden.  Ab 1903/04 hat der Direktor jeweils im Juli einen gedruckten Bericht veröffentlicht, der sich auf die Ereignisse des abgelaufenen Schuljahres bezieht. Insgesamt sind so von Juli 1904 bis Juli 1914 elf Jahresberichte erschienen, im Umfang von jeweils 20-22 Seiten. Alle haben dasselbe inhaltliche Schema: I. Lehrverfassung. a) Über-sicht über die Lehrgegenstände und die für dieselben bestimmte Stundenzahl. b) Übersicht über die Verteilung der Stunden unter die einzelnen Lehrer. c) Übersicht über die während des Schuljahres erledigten Lehraufgaben. Für alle neun Klassen, von der untersten, der 3. Vorschulklasse, bis zur Untersekunda wird zunächst der Klassenlehrer genannt, und dann für jede Klasse ausführlich bei jedem einzelnen Fach angegeben, welche Themen behandelt wurden. Im Fach Deutsch werden auch die gestellten Themen der Aufsätze erwähnt. Im letzten Bericht von 1913/14 nimmt dieser Teil, I.c., allein sieben enggedruckte Seiten ein. d) bringt die Themen des katholischen Religionsunterrichtes für die einzelnen Klassen, und e) die Aufgabenbereiche des technischen Unterrichts (Linearzeichnen, Freihandzeichnen, Singen, Handarbeit, Turnen).   f) bringt ein Verzeichnis der eingeführten Lehrbücher. Abschnitt II enthält die Chronik des abgelaufenen Schuljahres, zum Schluß werden die gestellten Aufgaben für die schriftlichen Klausuren der Einjährigenprüfung angeführt. Teil III nennt sich „Statistische Mitteilungen“ mit Tabellen der Schülerzahl pro Klasse, der Religions- und Heimatverhältnisse der Schüler, der Frequenz der letzten 5 Jahre und den Namen der Schüler, die nach bestandener Schlußprüfung die Schule verlassen. Abschnitt IV nennt jedes Buch, jede Landkarte, jedes Gerät, das in dem Jahr angeschafft oder geschenkt wurde. Zum Schluß bringt Teil V Mitteilungen an die Schüler und ihre Eltern, u.a. über die Ferientermine, die Höhe des Schulgeldes usw.   Vielleicht gibt es für keine andere deutsche Schule über elf kontinuierliche Jahre hin eine so dichte und detaillierte Information über alles, was dort gelehrt wurde, welche Lehrbücher man verwendete, welche Titel die Lehrer- und Schülerbibliothek besaß und anderes mehr. Nur zwei- oder dreimal wurde in diesen 11 Jahrgängen vom üblichen Schema abgewichen. Ein einziges Mal brachte ein Jahresbericht, und zwar der von 1905/06, die Namen aller 65 Jungen mit Geburtstag und –ort, sowie dem Beruf des Vaters. Der Jahresbericht 1910/11 bringt Kurzbiographien aller damaligen Lehrer, und in den späteren Annalen werden bei neueingestellten Lehrern auch ihre Kurzbiographien angeführt, was vor 1910 nie der Fall war.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p>       Ein Jahr nach der Pachtung des Kiautschou-Gebietes wurde am Pfingstdienstag 1899 die „Deutsche Schule“ in Tsingtau mit 3 Kindern eröffnet. Die Schule wurde begründet als eine Einrichtung der Bürgergemeinde Tsingtaus und stand unter der obersten Aufsicht und Leitung des Gouvernements, welches für alle Mittel aufkam, die nicht durch das Schulgeld gedeckt werden konnten. Dem Schulvorstande, welcher alle Jahre neu  gewählt wurde, gehörten dauernd der Zivilkommissar, als Vertreter des Gouvernements, und der vom Gouvernement bestätigte Leiter der Schule an. Im ersten Jahr war das Pfarrer Richard Wilhelm, in den nächsten 2 Jahren dann Pfarrer Lic. Wilhelm Schüler. Den größten Teil des Unterrichts erteilte der Leiter, daneben unterrichteten noch Pater Bartels und Missionar C. Johannes Voskamp, auch Frau Wilhelm und Frau Schüler. Nach einjährigem Bestehen wurde die Anstellung eines Volksschullehrers nötig, der seine volle Kraft der Schule widmen konnte, und im Sept. 1900 begann Herr Robert Berger aus Berlin seine Tätigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Gouvernement auch begonnen, ein eigenes Schulhaus an der Bismarckstraße zu bauen, das am 2. Sept. 1901 bezogen werden konnte. Vorher hatte im ersten Jahre (1899) der Unterricht in verschiedenen alten Chinesen-häusern stattgefunden, z.B. auch im Korridor des Gerichtsgebäudes, dann von Febr. 1900 bis Juli 1901 in 2 Zimmern des neuen Hotels Prinz Heinrich. Da die Bürgergemeinde finanziell nicht in der Lage war, die Schule unterhalten und weiter ausbauen zu können, übernahm die Regierung sie ab 1. April 1902 als „Gouvernements-Schule“  in eigene Verwaltung. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt 29 Schüler und Schülerinnen. Weil gleichzeitig der Orden „Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens“ in Tsingtau das Heilig-Geist-Kloster nebst einer Mädchenschule mit Pensionat eingerichtet hatte, beschloß das Gouvernement, die Staatsschule ab Ostern 1902 als Knabenschule weiterzuführen. Die Mädchen mußten nun die Schule des Heilig-Geist-Klosters besuchen. Auch war man, nach langen Diskussionen im Schulvorstande, zu dem Schlusse gekommen, daß nicht eine Elementarschule sondern ein Realgymnasium den hiesigen Verhält-nissen am besten entspräche. Deshalb traf im Oktober 1902 der 44jährige Paul Tuczeck als erster Oberlehrer ein, der nun die Leitung übernahm – und übrigens bis 1920 beibehielt! Er hatte Mathematik und Physik an den Universitäten Heidelberg und Halle studiert. Er besaß bereits Auslandserfahrung, von 1889 bis 1898 war er Lehrer an der Deutschen Schule in Valparaiso gewesen. Er legte dem Unterricht einen zunächst provisorischen Lehrplan zugrunde, der im allgemeinen dem des preußischen Realgymnasiums entsprach. Die Abweichung bestand darin, daß neben Latein nicht Französisch, wie zuhause, sondern Englisch als erste neue Fremdsprache eingeführt wurde, da in Ostasien das Englische von weit größerem Nutzen war. Mit zunehmen-der Schülerzahl zeigte es sich, daß die Gouvernements-Schule, als einzige Knabenschule, noch die Funktion einer Mittelschule zu übernehmen hatte. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schüler kam nach ihrer Begabung und Vorbildung, nach der sozialen Stellung und den finanziellen Mitteln ihrer Eltern für eine höhere Schule eigentlich nicht in Frage. Vor allem war das Lateinische für ihren späteren Beruf entbehrlich und zwecklos. Daher beschloß man, dem Unterrichte den Lehrplan eines Reformrealgymnasiums zugrunde zu legen. Die Struktur der Schule war nun die folgende: An eine dreiklassige Vorschule schloß sich ein dreiklassiger lateinloser Unterbau mit den Klassen Sexta, Quinta und Quarta an. Als erste Fremdsprache Englisch ab Sexta, Französisch ab Quarta. Auf diesem Unterbau ruhte der Mittelbau, welcher 3 Realgymnasialklassen umfaßte: Untertertia, Obertertia, Untersekunda. Natürlich gab es auch hier Schwierigkeiten, denn in den Mittelbau traten auch Schüler ein, die aufgrund ihrer Vorbildung nicht am Lateinunterricht teilnehmen konnten oder wollten. Es war deswegen geplant, für diese später, wenn eine Vollständigkeit des Lehrkörpers erreicht war, Parallelabteilungen zu schaffen, mit stärkerer Betonung der neueren Sprachen, Mathematik und kaufmännischem Rechnen. (Dieser Plan ist bis 1914 nie realisiert worden.)</p>
<p>                  Um die Rentabilität der Schuleinrichtung zu erhöhen, war das Gouvernement daran interessiert, auch Schüler aus anderen Städten Ostasiens zu gewinnen. Immerhin gab es seit 1895 eine deutsche Schule in Shanghai. Herr Berger, der als erster Lehrer eingetroffen war, richtete, anscheinend privat, ein Alumnat für auswärtige Schüler ein, das ab 1905 vom Gouvernement übernommen wurde. Oberlehrer Küntzel und Frau leiteten es mehrere Jahre, dann Oberlehrer Kusche und Frau bis 1914.  Die Zahl der auswärtigen Schüler nahm im Laufe der Zeit zu und schwankte in den letzten Jahren zwischen 15 bis 22.</p>
<p>              Als Oberlehrer Tuczeck im Sept. 1902 eintraf, konnte er bereits eine Quinta bilden, 1903/04 kam die Quarta hinzu, 1904/05 die Untertertia, 1905/06 die Obertertia, 1906/07 als letzte Klasse die Untersekunda. Im Juli 1907 wurde zum ersten Male eine Schlußprüfung abgehalten, die 5 schriftliche Klausuren und eine mündliche Prüfung umfaßte. Alle 5 Kandidaten bestanden und gaben als Berufsziel an: Kaufmann! Die Schulleitung legte großen Wert darauf, den Abschluß als sog. Einjährigen-Prüfung anerkannt zu bekommen. Mit einem gewissen Stolz konnte sie später vermelden, daß ab 1908 die Gouvernements-Schule die Berechtigung hatte, „Zeugnisse für die wissenschaftliche Befähigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst“ auszustellen. (Was dieser Dienst mit Wissenschaft zu tun hat bleibt unklar.) </p>
<p>                    Der Juli 1907 brachte noch eine andere Neuerung. Da Jahr für Jahr die Schülerzahl angestiegen war und 1906/07 man 78 Schüler in neun Klassen unterrichten mußte, war das 1901 bezogene Gebäude  mit seinen ursprünglich 4 Klassenräumen und einer Lehrerwohnung im Obergeschoß zu klein geworden. Längst war der Lehrer ausgezogen und die ehemaligen Wohnzimmer nebst Aula zu zusätzlichen Klassenräumen umfunktioniert worden. Das Gouvernement hatte deswegen 1906/07 ein neues, viel größeres Schulhaus  bauen lassen, das am 12. Juli 1907 eingeweiht wurde. „Dieses neue Schulhaus sah 12 Klassen für insgesamt 280 Schüler vor, dazu einen Arbeitsraum für Beschäftigung in den Freistunden, einen Zeichensaal mit Modellraum, ein Physikzimmer mit anstoßendem Laboratorium, ein Amtszimmer des Schulleiters, ein Konferenzzimmer, Sammlungsräume und eine Aula. Das geräumige Schulgelände bot reiche Gelegenheit zur Sportbetätigung in den Mußestunden“ (Wirtz S. 274).</p>
<p>          Im Jahre 1905 verstärkte sich die Agitation der (überwiegend protestantischen) Eltern, die auch Mädchen unter ihrem Nachwuchs hatten, diese nicht mehr in die Schule des Heilig-Geist-Konventes schicken zu müssen. Sie setzten eine Bittschrift auf, welche sie im September an den Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Admiral von Tirpitz, sandten. Ihr Inhalt lautet:</p>
<p>    „Euer Excellenz beehren sich die unterzeichneten Eltern und Lehrer schulpflichtiger Mädchen des Schutzgebietes folgende Bitte ergebenst vorzutragen. Die einzige Anstalt in der zur Zeit die Mädchen ihren wissenschaftlichen Unterricht erhalten können, ist das katholische Kloster der Franziskanerinnen Missionärinnen Mariens. Von diesen hat gutem Vernehmen nach nur eine das preußische Lehrerinnen Examen, wenn auch nur für Volksschulen, abgelegt. Die Anstalt bietet somit keine Gewähr dafür, den wissenschaftlichen Anforderungen genügen zu können, zumal eine staatliche Aufsicht nicht ausgeübt wird. Durch die geringen Leistungen und Fortschritte unserer Töchter haben wir leider diese Befürchtung bestätigt gefunden. Der Mangel pädago-gischer Bildung der Lehrerinnen macht sich sowohl innerhalb der Schule durch unzureichende Behandlung des Lehrstoffes als auch außerhalb durch die ungleiche Verteilung häuslicher Arbeiten geltend, für deren Anfertigung die nicht genügend vorbereiteten Kinder auf die Hülfe der Eltern verwiesen werden.</p>
<p>         Da die Schule, zumal die des Auslandes, zugleich einen erziehlichen Einfluß auf die Kinder ausüben soll, so halten wir ein katholisches Kloster, in dem die Schwestern von den Vorschriften ihres Ordens beeinflußt sind, für heranwachsende evangelische Mädchen nicht geeignet. Hat man schon in der Heimat den streng konfessionellen Schulen gegenüber die paritätischen vorgezogen, so erachten wir erst recht im Auslande die letzteren für nötig, damit die Kinder nicht einseitig erzogen werden.</p>
<p>          Der deutsch nationale Character jener Klosterschule leidet unter der Zusammensetzung des Lehrerinnenpersonals, von denen nur zwei der deutschen Sprache völlig mächtig sind, sowie dadurch, daß die Anstalt dem Mutterhaus in Paris untersteht. Im Unterricht des Deutschen und der Geschichte, sowie an nationalen Festtagen hat sich dies bereits geltend gemacht.</p>
<p>                 Wie den Knaben, so möchten wir auch unsern Töchtern eine gute wissenschaftliche Ausbildung und eine deutsche nationale Erziehung im Auslande mit auf den Lebensweg geben. Wir wenden uns daher an Euer Excellenz mit der ergebenen Bitte, durch eine geeignete Schule uns in dieser wichtigen Frage zu Hülfe kommen zu wollen.“</p>
<p>             Es dauerte dann doch noch 2 Jahre, bis das Gouvernement schließlich, ab Herbst 1907, eine „Staatliche Mädchenschule“ einrichtete. Als Quartier bot sich das bisherige Schulgebäude an, da die Knaben im Sept. 1907 in das neue Haus umzogen. Für die zunächst vorgesehenen 2 Abteilungen trafen aus Deutschland zwei Lehrerinnen ein. Der gedruckte Bericht für das Schul-jahr Sept. 1907 bis Juli 1908 erwähnt diese (höhere) Mädchenschule und die Lehrerinnen mit keinem Wort und bringt trotzdem eine faustdicke Überraschung. Nicht im Text, sondern nur hinten in der Statistik der Schülerzahl pro Klasse wird in einer Fußnote erwähnt: „Inbegriffen sind 28 Mädchen, welche die unteren Klassen besuchen.“  Das heißt also, aus der “Knaben-schule“ ist eine (zunächst partielle) Koedukationsschule geworden! Weiterhin meldet dieselbe Fußnote: „Fräulein Crusen nahm mit Genehmigung der vorgesetzten Behörden als Hospitantin am Unterricht der Untersekunda teil; der Abschlußprüfung hat sie sich nicht unterzogen.“   Erst im Report von 1908/09 trägt ein Abschnitt die Überschrift „Mädchenklasse“, von der es heißt: „Von der staatlichen Mädchenschule ist bisher nur die oberste Klasse, deren Lehrerin Frl. Siebert ist, eröffnet worden, denn von der Einrichtung einer zweiten Mädchenklasse mußte in diesem Jahre abgesehen werden, da wegen Erkrankung des Lehrers May und wegen des verspäteten Eintreffens des Oberlehrers Roser die zweite Lehrerin, Frl. Davidsen, in der Vorschule und in den unteren Klassen der Knabenschule beschäftigt werden mußte. Ein Teil der für die Mädchen-schule bestimmten Kinder ist während dieser Übergangszeit, außer in der Vorschule, in den unteren Klassen mit den Knaben zusammen unterrichtet worden.“   Da die sog. Mädchenklasse (U II plus O III) 1908/09 lediglich aus 5, dann 1909/10 nur noch aus 3 Schülerinnen bestand, wurde sie abgeschafft. Damit war die „Staatliche Mädchenschule“ sang- und klanglos eingegangen und die Tsingtauer Gouvernementsschule eine voll integrierte Koedukationsschule geworden. An der Abschlußprüfung im Juni 1912 nahm zum ersten Male und erfolgreich eine Schülerin teil. Es handelte sich um die 17jährige Margarete Tuczeck, eine der Töchter des Schuldirektors. Bei der letzten Abschlußprüfung, am 29. Juni 1914, nahm zum ersten Male ein „echter“ Tsingtauer teil, nämlich Wilhelm Kunze. Er war das erste, am 2.9.1898, in Tsingtau geborene deutsche Kind, deshalb war u.a. Kaiser Wilhelm II. auch einer seiner Paten.</p>
<p>          Zum Schluß dieser Periode 1899 – 1914 seien noch einige Statistiken angeführt.</p>
<p>Folgende Tabelle bringt die Zahl der Schüler jeweils am 1. Juni des angegebenen Jahres, mit Ausnahme für Ostern 1902.  J ist die Abkürzung für Jungen, M für Mädchen.</p>
<p>1902: 29 J + M                                       1909: 128  (87 J + 41 M)</p>
<p>1903: 29 J                                               1910: 140  (97 J + 43 M)</p>
<p>1904: 43 J                                               1911: 162  (101 J + 61 M)</p>
<p>1905: 52 J                                               1912: 176  (115 J + 61 M)</p>
<p>1906: 65 J                                               1913: 189  (122 J + 67 M)</p>
<p>1907: 78  (73 J + 5 M)                            1914: 235  (131 J + 104 M)</p>
<p>1908: 105 (76 J + 29 M)                </p>
<p> </p>
<p>                                    Religions- und Heimatverhältnisse der Schüler: </p>
<table border="1" cellspacing="0" cellpadding="0">
<tbody>
<tr>
<td width="100" valign="top"> </td>
<td width="66" valign="top">Evange-lisch</td>
<td width="66" valign="top">Katho-lisch</td>
<td width="66" valign="top">Griech. Orthod.</td>
<td width="66" valign="top">Bap-tisten</td>
<td width="66" valign="top">Presby-terianer</td>
<td width="66" valign="top">Israel.</td>
<td width="66" valign="top">Konfes-sionslos</td>
<td width="66" valign="top">Einhei-misch</td>
<td width="66" valign="top">Aus-wärtig</td>
<td width="66" valign="top">Deut-sche</td>
<td width="66" valign="top">Aus-länder</td>
</tr>
<tr>
<td width="100" valign="top">1. Juni 1913</td>
<td width="66" valign="top">  156</td>
<td width="66" valign="top">  17</td>
<td width="66" valign="top">     2          </td>
<td width="66" valign="top">   5</td>
<td width="66" valign="top">    1        </td>
<td width="66" valign="top">    8</td>
<td width="66" valign="top">    -</td>
<td width="66" valign="top">  171</td>
<td width="66" valign="top">  18</td>
<td width="66" valign="top">  179</td>
<td width="66" valign="top">  10</td>
</tr>
<tr>
<td width="100" valign="top">1. Juni 1914</td>
<td width="66" valign="top">  199</td>
<td width="66" valign="top">  21</td>
<td width="66" valign="top">     2</td>
<td width="66" valign="top">   5</td>
<td width="66" valign="top">    1</td>
<td width="66" valign="top">    6</td>
<td width="66" valign="top">    1</td>
<td width="66" valign="top">  222</td>
<td width="66" valign="top">  13</td>
<td width="66" valign="top">  224</td>
<td width="66" valign="top">  10</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p> </p>
<p>           Der Bericht für das Schuljahr 1913/14 wurde von Prof. Tuczeck im Juli 1914 verfaßt und gedruckt. Die Seite 19 enthält die Mitteilung: „Das neue Schuljahr 1914-15 beginnt am 10. Sept. 1914, morgens um 8 Uhr für die Klassen VI bis UII; für die Vorschüler morgens 10.30 Uhr. Schriftliche Anmeldungen neuer Schüler können jederzeit erfolgen. Mündliche Anmeldungen werden den 9. Sept. vormittags von 9-11 Uhr, von dem Unterzeichneten im Amtszimmer der Schule entgegengenommen.“  Zu diesem Vorgang ist es nicht mehr gekommen, denn am 1. August begann der Weltkrieg, und wegen der bevorstehenden Belagerung durch die Japaner verließen die meisten deutschen Frauen und Kinder Tsingtau und wurden auf die Städte Tsinan, Tientsin, Peking und Shanghai verteilt. Hatte die Statistik für den 1. Juni 1914 insgesamt 235 Schüler gemeldet, so befanden sich während der Belagerung nur noch ca. 120 in der Stadt. An Unterricht war nicht zu denken, erst recht nicht nach der Besetzung durch die Japaner, die sofort das alte und neue Schulgebäude beschlagnahmten. Im Januar 1915 konnte Prof. Tuczeck mit den beiden Lehrerinnen und Hilfskräften den Unterricht für rund 70-80 Schüler wieder aufnehmen, Oberpfarrer Winter hatte das Christliche Soldatenheim zur Verfügung gestellt (siehe Foto.) Das Ziel der Japaner war es, die meisten deutschen Männer entweder in die Kriegsgefangenschaft nach Japan zu bringen oder auszuweisen. Von 1916 bis Frühjahr 1920 hielten sich dement-sprechend in Tsingtau von den Deutschen nur noch rund 350 Personen auf, 180 Kinder, 135 Frauen und 26 Männer. Da China neutral geblieben war, befand sich weiterhin in Peking die deutsche Gesandtschaft. Diese war nun für Prof. Tuczeck seine vorgesetzte Behörde, und so hat er für die Schuljahre 1914/15 und 1915/16 nach alter Gewohnheit Jahresberichte verfaßt, aller-dings nur maschinenschriftlich, und sie nach Peking geschickt. In den Akten der Deutschen Botschaft China (jetzt im Bundesarchiv Berlin) sind uns diese 2 Berichte erhalten geblieben. Der Jahresbericht 1914/15 ist, gekürzt und unter Weglassung der meisten Namen, 1917 in der Zeitschrift China-Archiv, 2. Jhg., S. 76-79 veröffentlicht worden.  Auszüge aus Prof. Tuczecks Bericht im China-Archiv sollen hier gebracht werden:</p>
<p>       „Mit Befriedigung kann berichtet werden, daß eine ganze Reihe unserer ehemaligen in Ostasien weilenden Schüler zur Verteidigung Tsingtaus herbeigeeilt waren – zum Teil von weither – und sich als tapfere Krieger erwiesen haben. Von ihnen starb Gerhard Voskamp den Heldentod. Andere noch nicht militärpflichtige oder zum Dienst mit der Waffe untaugliche ehemalige Schüler traten beim Landsturm ein. Von unseren jetzigen Schülern meldeten sich als Kriegsfreiwillige je zwei Ober- und Untertertianer. Während einer in der Front stand, bewährten sich zwei als unerschrockene Fahrer, einer (erst 14jährig) tat Ordonnanzdienst.</p>
<p>        Durch die Beschießung Tsingtaus war das Schulgebäude ziemlich mitgenommen worden. Das Dach, die Decke der Aula und die ganze Vorderfront waren stark beschädigt. Als ich am 11. November von den Japanern zur Übergabe der Schule gerufen wurde, bot diese ein Bild greu-lichster Verwüstung. Die verschlossen gewesenen Räume, wie Physik- und Instrumentenzimmer, Bibliothek und Modellraum, waren gewaltsam aufgebrochen, die meisten Lehrmittel verschwun-den, die noch übrigen Sachen und Instrumente waren zerbrochen, Karten, Bilder und Bücher zerrissen. Der Boden des Amtszimmers war mit Tinte bedeckt, in welcher Akten, Listen, Bücher usw. schwammen. Wen die Schuld an der Verwüstung trifft, muß dahingestellt bleiben. In der Schule befindliches Privateigentum, nämlich u.a. mir und anderen Lehrern gehörende Bücher, durfte nicht entfernt werden.</p>
<p>       Wenige Tage nach der Einnahme wurde die Schule mit japanischer Infanterie belegt, die später von Marinesoldaten abgelöst wurde. Die Schulmöbel wurden vor dem Gebäude auf-gestapelt und später abgefahren; wahrscheinlich sind sie nach Japan geschafft worden. Jetzt dürfte von den Lehrmitteln, deren Wert ich auf 40000 Mark schätze, und von der sonstigen Schuleinrichtung nichts mehr vorhanden sein. Vom April 1915 ab wurden sowohl das neue wie das alte Schulgebäude von den Japanern zu Schulzwecken verwendet.</p>
<p>       Es lag mir sehr am Herzen, mit den noch anwesenden Schulkindern den Unterricht so bald als möglich zu beginnen, aber die Verhandlungen mit der japanischen Behörde wegen Überlassung eines Schulgebäudes wurden in die Länge gezogen und verliefen schließlich im Sande. Auf meine schriftliche Eingabe bei der japanischen Militärbehörde, es möchte mir eine Anzahl Schulbänke überlassen werden, habe ich nie eine Antwort erhalten. Da nahm ich das Anerbieten des Oberpfarrers Winter an, der mir das Christliche Soldatenheim für Schulzwecke zur Verfügung stellte. Mit den im Gebäude vorhandenen Tischen und Stühlen sowie den vom Evangelisch-Protestantischen Missionsverein geliehenen Schulbänken usw. wurden 6 Räume notdürftig ausgestattet, und am 5. Januar 1915 konnte ich endlich mit dem Unterricht beginnen. Es wurden 6 Abteilungen gebildet: die obere Abteilung umfaßte die Klassen Untersekunda, Ober- und Untertertia, die nächste die beiden Klassen Quarta und Quinta. Sexta, erste, zweite und dritte Vorschulklasse sollte jede für sich unterrichtet werden. Diese Einteilung entsprach den zur Verfügung stehenden Räumen. An Lehrkräften waren von ursprünglichen Lehrkörpern damals noch verfügbar der Direktor, ein Lehrer und die beiden Lehrerinnen, dazu traten von der Deutsch-Chinesischen Hochschule drei Herren. Gleich zu Beginn ergab sich insofern eine Störung, als eine Lehrerin und ein Lehrer sich krank meldeten. Sie wurden durch den Direktor und freundlicherweise durch den Oberpfarrer und den Missionspfarrer Wilhelm vertreten. Während die Lehrerin am 12. Januar ihren Dienst antrat, konnte der Lehrer seine Tätigkeit überhaupt nicht beginnen, da er am 30. Januar aus Tsingtau ausgewiesen wurde.</p>
<p>           Am 14. Januar mußte der Unterricht ausfallen, weil an diesem Tage sämtliche in Tsingtau anwesenden deutschen Männer von der japanischen Militärverwaltung vorgeladen waren. Auch die drei Lehrer, welche während der Belagerung dem immobilen Landsturm angehört hatten, wurden mit über 100 anderen Deutschen am selben Tage in den Moltkebaracken festgesetzt und am 22. Januar als Kriegsgefangene nach Japan gebracht. Meine Bemühungen, sie für die Schule frei zu bekommen, waren erfolglos. Obgleich die vorerwähnten beiden Pfarrer sich ganz der Schule zur Verfügung stellten, mußte der Unterricht doch stark beschnitten werden. Er wurde außerordentlich erschwert durch den Umstand, daß die Lehrmittel vollständig fehlten und daß die Schüler sich kaum die notwendigen Schulbücher verschaffen konnten. Noch schwieriger gestalteten sich die Verhältnisse an der Schule, und noch mehr mußten die Stunden beschränkt werden, als die eine der Lehrerinnen ihr Amt niederlegte und Missionar Wilhelm den Unterricht aufgab, da er seine chinesische Knabenschule wieder eröffnete. Den größten Teil dieses Unter-richts übernahm in liebenswürdiger Weise eine Dame, die in Berlin neuere Philologie studiert und in Greifswald die Oberlehrerprüfung abgelegt hat (ihr Gatte ist in Kriegsgefangenschaft in Japan).</p>
<p>                   Nach den Osterferien übernahm die Ehefrau eines Lehrers, früher selbst Lehrerin in Deutschland, einen Teil der Stunden ihres Mannes, so daß die 3 Vorschulklassen wieder eröffnet werden konnten. Am 10. Mai mußte Oberpfarrer Winter auf Befehl der japanischen Militär-verwaltung Tsingtau verlassen. Auf meine Bitte übernahm Missionssuperintendent Voskamp der Berliner Mission dessen Unterricht, so daß keine weiteren Störungen im Schulbetrieb eintraten. </p>
<p>Das Schuljahr wurde am 10. Juli 1915 mit Andacht und Ansprache geschlossen. Der japanischen Behörde habe ich mehrfach über die gegenwärtigen und früheren Schulverhältnisse mündlich und schriftlich Bericht erstatten müssen.“ </p>
<p>         Im Sommer 1916 wurde sogar wieder eine Abschlußprüfung durchgeführt, die von den vier Kandidaten (2 Jungen und 2 Mädchen) bestanden wurde.</p>
<p>      Weitere Schulberichte für die Periode Herbst 1916 bis Frühjahr 1920 liegen handschriftlich vor (Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, Nachlass Tuczeck).  Die ca. 5000 deutschen Kriegsgefangenen in Japan wurden erst Ende 1919 und im Frühjahr 1920 entlassen. Einige der Transportschiffe liefen auch Tsingtau an und nahmen die dort verbliebenen Frauen und Kinder mit in die Heimat. Dies bedeutete auch das (vorläufige) Ende der deutschen Schule in Tsingtau.</p>
<p><em>(Die Fortsetzung, meine „<a href="http://www.tsingtau.org/kurze-chronik-der-deutschen-schule-tsingtau-von-1924-46/">Geschichte der Deutschen Schule Tsingtau 1924-1946</a>“, befindet sich ebenfalls in dieser Webseite.) </em></p>
<p>                                               <strong>Verwendete Quellen </strong></p>
<p>11 gedruckte „Jahresberichte der Kaiserlichen Gouvernements-Schule zu Tsingtau“  1904-14.</p>
<p>6 Jahresberichte 1915 bis1920, von Prof. Tuczeck mit der Hand geschrieben.</p>
<p><em>(Der Verfasser dieses Berichtes, W. Matzat, hat Kopien aller 17 Jahresberichte.) </em></p>
<p>Tuczeck, Paul: „Die deutsche Schule in Tsingtau während des Krieges 1914/15.“</p>
<p>                    in: China-Archiv, 2. Jhg., H.2, Berlin 1917, S. 76-79</p>
<p>Wirtz, Hans: „Deutsche Bildungsarbeit in Tsingtau.“</p>
<p>                in: Schmidt,Fr. und O.Boelitz (Hrsgb.): „Aus deutscher Bildungsarbeit im Auslande.“</p>
<p>                Bd. 2: Außereuropa. -  Langensalza 1928, S. 273-88</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Rohde, Carl &#8211; Kaufmann (ca. 1871 – 1923)</title>
		<link>http://www.tsingtau.org/rohde-carl-kaufmann-ca-1871-%e2%80%93-1923/</link>
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		<pubDate>Mon, 15 Aug 2011 18:48:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[ In Hamburg gab es vor 1900 eine Speditionsfirma Matthias Rohde &#38; Co. Ein Mitinhaber war um diese Zeit  Georg Rohde (* in Hamburg 1868, + in Schwerin 1944). Ebenfalls tätig in dieser Firma war Carl Rohde, ein Vetter des Georg.  Carl stammte aus Bremen und war 1898 für die Firma in New York tätig. Diese [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong>In Hamburg gab es vor 1900 eine Speditionsfirma Matthias Rohde &amp; Co. Ein Mitinhaber war um diese Zeit  Georg Rohde (* in Hamburg 1868, + in Schwerin 1944). Ebenfalls tätig in dieser Firma war Carl Rohde, ein Vetter des Georg.  Carl stammte aus Bremen und war 1898 für die Firma in New York tätig. Diese schickte ihn 1898 nach Tsingtau, er sollte die Leitung der Kiautschau-Gesellschaft m.b.H. vor Ort übernehmen. Im Tsingtauer Handelsregister ist sie mit der Nummer 1 als die erste Firma Tsingtaus eingetragen! Diese war von den Firmen Matthias Rohde &amp; Co. und von Tippelskirch &amp; Co. (Berlin) als allgemeine Handels-gesellschaft gegründet worden (Agentur, Commission, Spedition, Import). Geschäftsführer der Dachfirma waren Hermann und Ferdinand Hecht von der Firma Pfeiffer &amp; Co. in Berlin, Ritterstr. 48. Ihre Vertretungsbefugnis erlosch aber am 31.1.1901. Rohde ließ 1900 bis Mai 1901 in Tsingtau an der Ecke Prinz Heinrich Str. und Albert Str. ein großes, mehrgeschos-siges Geschäftshaus errichten, das an verschiedene Nutzer vermietet wurde, u.a. zog die Hauptpost dort ein. <em>(Die Deutsche Reichspost kaufte das ganze Gebäude im April 1911).  </em> Dieses Gebäude steht auch heute noch. Rohde vertrat die Ostasieninteressen der Firma Matthias Rohde &amp; Co., er ermöglichte ihr die großen Kohlen-Charter-Geschäfte für die deutsche Reichsmarine. Spätestens ab 1902 war Rohde dann auch Mitinhaber der Kiautschau-Gesellschaft. Am 7.7.1903 schied Rohde als Geschäftsführer der Kiautschau-Gesellschaft aus, sein Nachfolger war Carl Weiss. 1904 oder Anfang 1905 verließ Rohde die Kiautschau-Gesellschaft m.b.H. und wurde Mitinhaber der größten Kaufhaus-Gesellschaft  in Tsingtau: Sietas, Plambeck &amp; Co.  Von den 3 anderen Mitinhabern dieser Firma hatten zu dem Zeitpunkt 2 sich bereits aus China verabschiedet. Jürgen Block und Heinrich Plambeck lebten in Hamburg, nur Hans C. Augustesen befand sich in Tsingtau. Zusammen mit ihm gehörte Rohde nun bis zum Kriegsbeginn 1914 zu den führenden Großkaufleuten der Stadt. Die Firma hatte 1905 ca. 20 deutsche Angestellte, darunter 3 Schlachter, 1 Conditor, 2 Landwirte. Außerdem hatte sie Zweiggeschäfte in Tschifu (Yantai) und später in Tsinanfu. 1905 betrieb sie: Import, Spedition, Versicherung, Lagerhäuser, Schiffshändler, Schlachterei, Dampf-bäckerei, Eisfabrik und Kühlräume, Wasserboote, ein komplettes Lager aller Warengattungen, dazu einen landwirtschaftlichen Betrieb, den Alsenhof, der neben der Germania Brauerei lag.</p>
<p>Später kaufte die Firma das Prinz-Heinrich-Hotel und das Strandhotel, errichtete 1912 das Logierhaus als Annex zum Prinz-Heinrich-Hotel und kaufte schließlich 1914 auch das Central Hotel. Natürlich war die Gesellschaft auch Agentur für mindestens 15 Firmen in der ganzen Welt, darunter die Speditionsfirma Matthias Rohde &amp; Co. in Hamburg. Für diese Verbindung hatte natürlich Carl Rohde gesorgt.</p>
<p>Er war nicht verheiratet. Geboren war er ca. 1871, damit rund 43 Jahre alt, als der Krieg begann. Am 20.8.1914 wurde er als Gemeiner zum Landsturm einberufen, aber für dienstuntauglich aus gesundheitlichen Gründen erklärt. Dementsprechend wurde er nach dem 7.11.1914 von den Japanern zunächst nicht behelligt. Diese inhaftierten aber am 14.1.1915 viele deutsche Männer, die im Landsturm tätig gewesen waren, darunter auch Carl Rohde. Sie wurden alle in japanische Kriegsgefangenschaft gebracht.  Rohde traf am 27.1.1915 in Osaka ein. Am 5.2.1915 stellte er den Antrag, als Nichtkombattant wieder entlassen zu werden, doch hatte er, wie viele andere, keinen Erfolg damit. Später war Rohde im Lager Ninoshima. Ende 1919 kam die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und Rohde kehrte nach Tsingtau zurück.</p>
<p>1923 hielt er sich im Sommer in Japan auf und erlitt durch das große Erdbeben in Tokio-Yokohama am 1.9.1923 einen Schlaganfall, an dem er verstarb.</p>
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		<title>Doenitz, Paul, Dr.phil., (1866 &#8211; 1955) Gymnasialprofessor</title>
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		<pubDate>Mon, 30 May 2011 18:35:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[Geb.: 05.10.1866 in Trebnitz an der Saale; gest. 08.01.1955 in Erfurt. 
(Diese biographische Skizze wurde verfasst von Dietrich Doenitz und Wilhelm Matzat) 
Paul Julius August Dönitz war das erste Kind des Gutsbesitzers Johann Karl Julius Dönitz und seiner Ehefrau Pauline Friedericke. 
Nach dem Besuch der Dorfschule wechselte er 1878 an die Lateinische Hauptschule der Franckeschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Geb.: 05.10.1866 in Trebnitz an der Saale; gest. 08.01.1955 in Erfurt. </p>
<p>(Diese biographische Skizze wurde verfasst von Dietrich Doenitz und Wilhelm Matzat) </p>
<p>Paul Julius August Dönitz war das erste Kind des Gutsbesitzers Johann Karl Julius Dönitz und seiner Ehefrau Pauline Friedericke. </p>
<p>Nach dem Besuch der Dorfschule wechselte er 1878 an die Lateinische Hauptschule der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo er 1887 sein Abitur ablegte.<br />
 <br />
Es folgte das Studium in den Fächern  Geschichte,  Geographie und Germanistik in Tübingen, Kiel, Berlin und Halle.  Am 31.10.1891 promovierte er in Halle im Fach Geschichte zum Dr.phil. mit der Dissertation: „Über Ursprung und Bedeutung des Anspruches der Päpste auf Approbation der deutschen Königswahlen.“ (63 S.).  Nach abgelegtem Staatsexamen (24. Juli 1893) leistete er das Seminar- und Probejahr an den Königlichen Gymnasien zu Danzig und Strassburg i.Westpreußen ab.<br />
 <br />
Da in Deutschland nach Abschluss seines Studiums trotz Promotion keine Anstellung zu erhalten war, nahm er eine Stelle als Hauslehrer in Spanien an (Oviedo, 12/1895 – 04/1898).  Letztlich kam ihm das entgegen, da zum einen die Bezahlung besser war und er zum anderen seinen unbändigen Reisedrang befriedigen konnte. Jede Gelegenheit und jede verdiente Mark wurde für Reisen genutzt.<br />
 <br />
Es folgten weitere Hauslehrerstellen im Zwei-Jahresrhythmus über ganz Europa verteilt (u.a. in Lodz, Polen). Er lernte Spanisch und Italienisch. Erst im Alter von 34 Jahren gelang es ihm, eine Stelle in Sangerhausen zu ergattern, als wissenschaftlicher Hilfslehrer am dortigen Gymnasium (von Ostern 04/ 1900 bis 03/1902). Von dort wurde er am 1. April 1902 nach Lippstadt in Westfalen berufen und im Herbst als Oberlehrer angestellt (04/1902 bis 10/1903).   Das geordnete Leben in deutschen Kleinstädten sagte dem inzwischen fast zum Weltbürger gereiften jungen Mann überhaupt nicht zu.<br />
 <br />
Die Bewerbung (1903) an die Kaiserliche Gouvernements-Schule in Tsingtau im Schutzgebiet Kiautschou ist somit nachvollziehbar. Sie war erfolgreich, am 8.5.1903 fährt er nach Berlin und bespricht im Reichsmarineamt mit Admiral Max Rollmann seine Aufgaben in Tsingtau. Der Haken dabei: Diese Stelle wurde nur an verheiratete Bewerber vergeben. Die Damenwelt hatte aber in seinem bisherigen Leben überhaupt keinen Platz &#8211; schon allein aus Kostengründen. Die Verlockung dieser einmaligen Gelegenheit führt zu einer fast drehbuchreifen Lösung des Problems.<br />
 <br />
Es war damals üblich, dass die heiratsfähigen so genannten höheren Töchter in diversen Kaffeekränzchen verkehrten und dort &#8220;Hofstaat&#8221; hielten. In solch einer Runde in Sangerhausen taucht der 36jährige Dr. Dönitz, ausgerüstet mit allen Angaben über seine jetzige und zukünftige finanzielle Situation und das zu erwartende Leben auf. Ohne Umschweife kommt er auf den Punkt: Er braucht sofort eine Frau, die mit ihm nach China geht.<br />
 <br />
Man kann es kaum glauben - er lernt so die 18jährige Gertrud Flügel kennen, die beiden sind sich sympathisch. Der Hochzeit am 16. November 1903 in Sangerhausen folgt die Abreise nach Asien. Gleich vorweg: Trotz des großen Altersunterschieds hält diese Verbindung das ganze Leben, durch zwei Weltkriege hindurch und es gehen drei Kinder aus ihr hervor.<br />
 <br />
Die Zeit in China ist prägend für das weitere Leben. Nach außen sichtbar wird das durch die Änderung der Schreibweise seines Familiennamens. Er übernimmt die englische Version mit &#8220;oe&#8221; und behält sie auch nach der Rückkehr nach Deutschland bei.  (Siehe auch: http://www.doenitz.com/spell_deu.html  ).<br />
 <br />
Im Internet findet man noch Spuren aus der Anfangszeit. </p>
<p>Deutsche Bürger in Tsingtau hatten 1899 eine Schule gegründet, es zeigte sich aber im Laufe der Zeit, dass die Bürgergemeinde finanziell nicht in der Lage war, die Schule zu unterhalten und weiter auszubauen. Deshalb übernahm die Verwaltung ab 1.4.1902 sie als „Gouvernements-Schule“, sie hatte zu dem Zeitpunkt 29 Schüler und Schülerinnen. Da gleichzeitig das Heilig-Geist-Kloster eine Mädchenschule eingerichtet hatte, wurde die Staatsschule als Knabenschule weitergeführt und zu einem Reform-Realprogymnasium ausgebaut, das nur bis zum Einjährigen führte. Ab 1907 wurden dann doch wieder Mädchen auch in die höheren Klassen aufgenommen, so dass an der Schule in Tsingtau de facto Koedikation herrschte. An dieser Schule hat Dr. Paul Doenitz von Januar 1904 bis Frühjahr 1914 unterrichtet, am 27.12.1909 erhielt er das Prädikat „Professor“.  </p>
<p>Neben seiner Lehrtätigkeit hatte Doenitz gleich von Anfang an bis zum Schluss noch ein weiteres Amt zu übernehmen, nämlich die Leitung der sog. Kiautschou Bibliothek, in der jedermann Bücher ausleihen oder die dort ausliegenden Tageszeitungen aus Deutschland lesen konnte. Diese Bibliothek war seit 1906 in einigen Räumen des Gouvernements-Dienstgebäudes untergebracht. </p>
<p>Dem Ehepaar Doenitz wurden in Tsingtau 2 Kinder geboren: am 13.09.1904 kam Charlotte Luise A-lien zur Welt, starb aber 3 Tage später. Am 13.03.1911 wurde Dietrich Ernst Jungtsing geboren. </p>
<p>Die Doenitzfamilie hat zwischen 1904 und 1914 in 3 Wohnungen gelebt. Die erste war ein Apartment im Alumnat in der Friedrichstraße, das damals von dem Elementarlehrer Robert Berger geleitet wurde. Am 1.4.1905 bezog man eine Wohnung in der Prinz Heinrich Straße 25 im Hause des Kaufmanns Gottfried Landmann. Dieser hatte im Erdgeschoss seinen Juwelier- und Optiker-Laden und wohnte im 1. Stock, Doenitz offensichtlich im 2. Stock. Von 1907 bis 1914 wohnten die Doenitzens in der Kronprinzenstraße 13, in einem Haus, das dem Architekten und Immobilienhändler Alfred Siemssen gehörte, der direkter Nachbar war.<br />
[Von den 3 Häusern, in denen die Familie Doenitz gelebt hat, sind  zwei noch vorhanden.  Das Alumnat ist schon seit langem abgerissen, aber das Landmann Haus (jetzt Guangxi Road 27) und das Siemssen Haus (Hubei Road) stehen noch.]  </p>
<p>Paul Doenitz hat die jeweilige Schulferienzeit  natürlich zu ausgedehnten Reisen in Ostasien benutzt.<br />
In seiner Autobiographie beschreibt er die Orte und Regionen, die er besucht hat: Tschifu, Weihaiwei, Tsinanfu, Taishan, Taianfu, Poshan, Peking und Große Mauer.  Mit seiner Frau besuchte er ab Juli 1908 Japan. Sie fuhr im September 1908 über Sibirien nach Deutschland. Im April 1909 bereiste er die Mandschurei (mit Port Arthur und Dairen), dann im Juli 1909 Japan, von wo er nach USA und Deutschland weiterfuhr. Anfang 1910 kehrten dann beide per Schiff nach Tsingtau zurück. (Von der Transsibirischen Eisenbahn sind noch Fahrkarten vorhanden und sogar ein Abteilschlüssel.) Keine Strecke, kein Umweg war zu weit, keine Reiseroute wurde zweimal benutzt.  Dies ist der Hintergrund für die &#8220;Entstehung&#8221; eines Satzes, den seine Schüler später im Geographieunterricht immer wieder zu hören bekommen: &#8220;&#8230; bin zufällig mal dagewesen.&#8221;  </p>
<p>Von Paul Doenitz  Planung her wäre er wohl noch viele Jahre in Tsingtau geblieben. In seiner  Autobiographie von 1949 bezeichnet er den Aufenthalt dort als die schönste Zeit seines Lebens. Der 1. Weltkrieg jedoch beendete die deutsche Präsenz dort.  Die Familie Doenitz hatte im März 1914 Tsingtau zu einem Heimaturlaub (via Sibirien) verlassen. Nach der Besetzung Tsingtaus beschlagnahmte Japan das deutsche Eigentum. Die Familie Doenitz, die ja nur auf Urlaub die Stadt verlassen hatte, wird die dortige gesamte Wohnungseinrichtung und Büchersammlung verloren haben.  Die Familie landet nahezu mittellos in Erfurt, er erhält eine Stelle am Gymnasium.<br />
 <br />
Über die Erfurter Jahre schreibt Johannes Biereye in einer Würdigung zum 70. Geburtstag in der &#8220;Thüringer Allgemeine Zeitung&#8221; am 4. Oktober 1936 unter dem Titel &#8220;Geograph aus eigener Anschauung&#8221;:<br />
 <br />
&#8220;Wie sollte man ihn verwenden, als man erkannte, daß Tsingtau nach Einnahme durch die Japaner für ihn nicht mehr in Frage kam? Zunächst beschäftigte man ihn einige Wochen aushilfsweise am Friedrich-Werderschen Gymnasium in Berlin, dann aber auf seinen Wunsch in seiner Heimatprovinz und zwar am Gymnasium in Erfurt. An dieser Schule hat er nun von allen Wirkungskreisen sich am längsten betätigt von Ostern 1915 bis 1932, also 17 Jahre. An ihr konnte er sein reiches Wissen zur Geltung bringen. &#8230; Daß er hierbei die eigene helle Begeisterung .. seinen Schülern mitzuteilen wußte, das hat ihm wohl in erster Linie die Herzen der Jugend gewonnen. &#8230; Da war es zu verstehen, daß seine Schüler ihm ihre Verehrung gern bei jeder Veranlassung zu bezeugen suchten, so bei seiner Silbernen Hochzeit 1928, wo sie ihm einen Fackelzug brachten, so auch an dem Tag seines Abschiedes von der Schule.&#8221;<br />
 <br />
In der Zeit wischen 1921 und 1938 findet man regelmäßig Aufsätze hauptsächlich über die politische Entwicklung in Asien wie auch über Persönlichkeiten der Erfurter Geschichte in der Thüringer Allgemeinen. <br />
 <br />
1918 wurde er Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften, an der er mehrere Vorträge hielt. Man findet ihn auch bis in hohe Alter als aktives Mitglied in diversen Vereinen. Wegen seiner Fähigkeit, seine Gedanken präzise formulieren und jederzeit selbst &#8220;trockene&#8221; Themen mit eigenen Anschauungen verquickt lebendig ausdrücken zu können, war er ein gern gesehener Festredner zu allen möglichen offiziellen Anlässen.<br />
 <br />
Er starb am 08.01.1955 im hohen Alter an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches.   </p>
<p> Paul Doenitz Ehefrau, Gertrud Flügel, wurde am 06.07.1884 in Sangerhausen geboren. Sie war die Tochter des Gasanstaltsdirektors Friedrich Carl Flügel und und dessen Ehefrau Clara Emma Emilie, geborene Schröder.<br />
Sie starb am 29.10.1967 in Sondershausen.<br />
 <br />
Die Tochter Charlotte Luise Doenitz geboren am 13. September 1904 in Tsingtau starb bereits drei Tage später. Der älteste Sohn Dietrich Doenitz, geboren am 13. März 1911 ebenfalls in Tsingtau, starb am 02.10.1943 an den Folgen einer Kriegsverletzung, die er sich in Sardinien zugezogen hatte, im Lazarett in Offenburg. Er war Reichsbahnrat.<br />
 <br />
Das 3. Kind, Gerhard Doenitz, wurde am 27.09.1919 in Erfurt geboren. Er wirkte bis zu seinem Tode am 28.11.1986 als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Sondershausen.<br />
 <br />
Die gesamte Familie fand ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Sondershausen.<br />
 <br />
Quelle:</p>
<p> a) Handschriftliche autobiographische Aufzeichnungen von Paul Doenitz aus den Jahren 1948 bis 1950.  </p>
<p>b) 11 gedruckte „Jahresberichte der Kaiserlichen Gouvernements-Schule zu Tsingtau“ 1903/04 bis 1913/14. </p>
<p>c) Ein Aufsatz von Wilhelm Matzat: „Die deutsche ‚Kaiserliche Gouvernements-Schule’ in Tsingtau 1899 – 1920, ein Reform-Realprogymnasium“, in: Befunde und Berichte zur Deutschen Kolonialgeschichte, 2. Jahrgang, Heft 3/2002, Seite 69-88.<br />
 </p>
<p> <br />
 </p>
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		<title>Tuczeck, Paul, Prof. (1858-1932), Schuldirektor</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 17:24:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[* 13.6.1858 in Plauen i.V.   Abitur dort 1879. Studium von Mathematik und Physik in Dresden, Heidelberg und Halle. 1885 das 1.Staatsexamen für das höhere Lehramt. Von 1885-87 Studienreferendar in Trier und Düsseldorf. 1887-89 Hauslehrer in Buenos Aires. 1889-98 Lehrer an der deutschen Schule in Valparaiso/Chile. Ostern 1899 bis August 1902 Oberlehrer am Fürstlichen Gymnasium in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>* 13.6.1858 in Plauen i.V.   Abitur dort 1879. Studium von Mathematik und Physik in Dresden, Heidelberg und Halle. 1885 das 1.Staatsexamen für das höhere Lehramt. Von 1885-87 Studienreferendar in Trier und Düsseldorf. 1887-89 Hauslehrer in Buenos Aires. 1889-98 Lehrer an der deutschen Schule in Valparaiso/Chile. Ostern 1899 bis August 1902 Oberlehrer am Fürstlichen Gymnasium in Sondershausen. Ankunft in Tsingtau 9. Okt. 1902, bis Frühjahr 1920 dort Leiter der Kaiserlichen Gouvernementsschule. Im März 1907 wurde ihm der Charakter als Professor mit dem Range der Räte 4. Klasse verliehen. 1910 erhielt er folgende Ernennungsurkunde: „Im Namen des Kaisers. Der bisherige Oberlehrer Professor Paul Tuczeck wird hiermit zum Direktor der Lehranstalten für europäische Schüler in Tsingtau ernannt und bestellt. Berlin, den 19.9.1910. gez. i.V. v.Tirpitz“.</p>
<p>Bei der Belagerung Tsingtaus im Herbst 1914 war Tuczeck wegen seines Alters nicht im Wehrdienst eingesetzt worden, er hatte sich dem Zivilkommissar Günther zur Verfügung gestellt. Dadurch konnte er nach der Besetzung durch die Japaner in Tsingtau bleiben und ab Januar 1915 den dort verbliebenen Kindern wieder Unterricht erteilen, mit Unterstützung durch Hilfskräfte wie etwa die Missionare R.Wilhelm und J.Voskamp. Im Frühjahr 1920 Rückkehr nach Deutschland, lebte in Braunschweig, wo er am 8.11.1932 gestorben ist. Frau Tuczeck lebte bis 1951 in Braunschweig, zog dann nach Karlsruhe, wo sie 1953 gestorben ist. Das Ehepaar hatte 2 Töchter: Elena Mercedes * Valparaiso 13.1.1893, und Margarethe * Valparaiso 8.5.1894. Letztere heiratete einen Herrn Ruoff, sie lebte um 1978 herum in Karlsruhe. Sie stiftete dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg i.B. die 6 von Tuczeck mit der Hand geschriebenen Jahresberichte der Deutschen Schule in Tsingtau von Jan. 1915 bis Febr. 1920. Es handelt sich bei den 4 letzten Jahresberichten von 1916 bis 1920 um ein Unikat.</p>
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		<title>Lazarowicz, Werner, (1873-1926), Architekt</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Nov 2010 19:04:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[Geboren am 22.05.1873 auf dem Gut Sigmundshof in der Provinz Westpreußen., gestorben in Peking 28.04.1926.  Besuch der Schule in Elbing, dann der Hochschule in Danzig. Ausbildung zum Bautechniker.
Als das Deutsche Reich im Jahre 1898 in China an der Bucht von Kiautschou ein Gebiet für 99 Jahre pachtet, um dort einen Flotten- und Handelsstützpunkt einzurichten, ergeben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Geboren am 22.05.1873 auf dem Gut Sigmundshof in der Provinz Westpreußen., gestorben in Peking 28.04.1926.  Besuch der Schule in Elbing, dann der Hochschule in Danzig. Ausbildung zum Bautechniker.</p>
<p>Als das Deutsche Reich im Jahre 1898 in China an der Bucht von Kiautschou ein Gebiet für 99 Jahre pachtet, um dort einen Flotten- und Handelsstützpunkt einzurichten, ergeben sich logischerweise große Bauaufgaben (Hafenbau, Eisenbahnbau, Städtebau). Das Gebiet untersteht dem Reichsmarineamt und für die zukünftige Bauabteilung wirbt es im Frühjahr 1898 um Personen vom Baufach, die bereit sind, beim Bau der neuen Stadt Tsingtau mitzuwirken. Lazarowicz ist 25 Jahre alt und bewirbt sich für die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Er ist der erste von dieser Abteilung, der (zusammen mit Prüß),  in Tsingtau eintrifft (am 16.6.1898). Eigentlich hätte sein zukünftiger „Chef“, der Berliner Stadtbaumeister Max Knopff, gleichzeitig mit ihm ankommen müssen. Dieser war aber noch in Deutschland erkrankt und musste später abfahren, er kam erst am 3.8.1898 an. Eine der ersten ganz wichtigen Baumaßnahmen war die Errichtung eines Lazaretts. Man kann davon ausgehen, dass Lazarowicz, der bald den Spitznamen „Lazarus“ hatte, bei der Errichtung aktiv beteiligt war, denn im 1. Adressbuch Tsingtaus mit dem Stand vom 15.1.1901 wird vom „Techniker Lazarowicz“ als Adresse angegeben: Bürobaracke beim Lazarett“. Im März 1901 bestand er eine Prüfung, unter der Leitung der Regierungsbaumeister Gromsch, Born und Bernatz, als Technischer Sekretär (DAW 15, 03.03.1901).</p>
<p>Er wird dadurch in der Hochbaudirektion neben dem Regierungsbaumeister Karl Strasser der zweite Mann und bleibt es mit diesem zusammen bis 1914. Erst als Strasser 1912 den Titel: Intendantur- und Baurat erhält,  ändert sich auch Lazarowicz’s Titel 1913 zu: Intendantur- und Bausekretär. Gewohnt hat L., der nie geheiratet hat, bis 1914 in dem Haus Lazarettweg 4 (Pingyuan Road),  das offensichtlich eine Dienstwohnung des Gouvernements war.</p>
<p>Obwohl Bauakten und Bauzeichnungen der Tsingtauer Hochbauabteilung in großem Umfang erhalten sind (jetzt im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg), ist aus ihnen nur selten zu erkennen, welcher Mitarbeiter welche Entwürfe gemacht hat. Der monatliche Bericht wird meistens pauschal von Strasser unterschrieben. Nur in einem Fall ist die Sachlage eindeutig: für den Bau der neuen Residenz des Gouverneurs am Signalberg wird 1905-07 eine Unterabteilung gebildet, als deren Leiter L. eingesetzt ist. Seine technischen Mitarbeiter sind die Architekten Fritz Biber und Paul Hachmeister. Zwar gibt es mehrere Vorentwürfe anderer Architekten, aber der endgültige Bauentwurf der Residenz stammt von L.  Er hat dann auch die Bauleitung. Diese Residenz ist Lazarowicz’s  „Meisterstück“, sie ist heute Museum und von den Touristen viel besucht. Christoph Lind, der schon als Student der Kunstgeschichte eine Magisterarbeit über dieses Haus verfasst hatte, hat in seiner Dissertation (1998, S.156-68) eine endgültige Beschreibung und Analyse dieses Bauwerks gegeben.</p>
<p>Dass L. hin und wieder auch auf dem privaten Sektor tätig war, darüber gibt ein Zeitungsbericht Auskunft über die Eröffnung des Tsingtau Clubs im Oktober 1911. Der Bauentwurf stammt von Curt  Rothkegel, aber die Kiautschou-Post, Okt. 1911, S. 241, schreibt dazu: „Rothkegels Entwurf wurde jedoch nach den Angaben des Herrn Lazarowicz, der sich durch seine Beaufsichtigung des Baues den Dank der Klubmitglieder in hohem Maße erworben hat, den hiesigen Bedürfnissen entsprechend, wesentlich umgestaltet. Der weitaus größte Teil der Inneneinrichtung ist von den hiesigen chinesischen Tischlerfirmen Ho Sing ki und An Tschang nach den überaus geschmackvollen Plänen und Zeichnungen des Herrn Lazarowicz angefertigt worden.“</p>
<p>Als im August 1914 der Krieg mit Großbritannien und dann Japan begann, konnte L. als Ganzinvalide sich nicht an der militärischen Verteidigung beteiligen. Seine Kollegen von der Hochbauabteilung: Strasser, Hachmeister, Biber wurden nach dem 7. Nov. in die Gefangen-schaft nach Japan gebracht, da sie bei der Verteidigung mitgewirkt hatten, wenn auch nur im Landsturm oder in der Landwehr. L. dagegen konnte nach der Besetzung durch die Japaner als Zivilist Tsingtau verlassen. Auf Bitten seines Freundes, des Architekten Curt Rothkegel, der in Peking eine Baufirma hatte, ging L. dorthin und wurde Compagnon in dieser Firma, die während des Krieges 1914-20 von Frau Rothkegel weitergeführt wurde. Rothkegel selbst hatte als Pionieroffizier an der  Verteidigung Tsingtaus mitgewirkt und war bis Anfang 1920 in japanischer Gefangenschaft. Über L. schreibt Frau Rothkegel in ihren Aufzeichnungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten“.</p>
<p>Anfang 1920 kam Rothkegel aus der japanischen Gefangenschaft zu seiner Frau und den zwei Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz schied daraufhin aus der Firma Rothkegel &amp; Co. aus und gründete zusammen mit seinem Tsingtauer Kollegen Paul Hachmeister ein eigenes Architekturbüro. Es wurde dann noch eine Filiale in Mukden gegründet, so dass Hachmeister  sich hauptsächlich in Mukden aufhielt. Er war als Techniker von ca. 1904 bis 1914 in der Hochbauabteilung des Tsingtauer Gouvernements beschäftigt gewesen, musste aber wie Rothkegel die Zeit von Nov. 1914 bis Anfang 1920 in japanischer Kriegsgefangenschaft verbringen.</p>
<p>Über die Persönlichkeit des Lazarowicz erfährt man einen kleinen Eindruck aus der Schilderung von Paul Wilm in seiner Autobiographie: „Damals“. Er kam 1924 aus Deutsch-land als Agrarfachmann nach Peking zu seinem Onkel, Herrn Eggeling. Wilm schreibt (S.29):</p>
<p>„Onkel Bob [Eggeling] hatte nur morgens wirklich Zeit für mich. Chinesische Herren, die direkt oder indirekt mit den chinesischen Ministerien zu tun hatten, beanspruchten ihn besonders auch in den Abendstunden mit Bankgeschäften höherer Kategorie, speziell Regierungsanleihen für Eisenbahnbau. Dafür ging Herr Hermann Schmidt gerne in den Deutschen Klub. Zu diesem nahm er mich mit und machte mich bei anwesenden Mitgliedern bekannt. Der Deutsche Klub befand sich in einem größeren chinesischen Anwesen in der Chin Yue Hutung — Goldfischgasse. Die Mitglieder saßen an einer langen Tafel, tranken Bier und unterhielten sich miteinander. Wie ein Vorsitzender saß an der Spitze der Tafel auf einem besonders großen Stuhlsessel eine geradezu gewaltige Gestalt, der Architekt Herr Lazarowicz. Ebenso gewaltig wie seine Gestalt war seine tiefe Stimme. Er begrüßte mich mit den Worten: „Wo bleibt denn Ihr Onkel? Der läßt sich hier ja kaum noch blicken.“ — „Der hat viel zu tun.“ war meine Antwort. „Das sollte er lieber nicht übertreiben.“ war sein Kommentar. Herr Hermann Schmidt stellte mich dann dem derzeitigen Klubvorsitzenden, Herrn Walther Frey, ebenfalls Architekt, vor und damit war ich als Mitglied akzeptiert. Noch ein dritter Architekt war anwesend, Herr Basel, der Partner von Herrn Frey. Dieser zeigte mir auch die anderen Klubräume, Lesezimmer, Bibliothek und Spielstube, in welch letzterer man sich ungestört dem Domino-, Madschong- oder Kartenspielen widmen konnte. Diese Räume wurden auch, besonders nachmittags, von den Damen der Klubmitglieder bevölkert. Erzählen möchte ich noch, dass in der warmen Jahreszeit häufig die abendliche Tafelrunde bzw. Bierrunde in einen der Höfe des Klubanwesens verlegt wurde. Auch hier erlebte ich Herrn Lazarowicz als Quasivorsitzenden am Kopfende der langen Tafel. Einmal war es so warm, dass man viel trinken musste. Wenn Herr Lazarowicz dann ein Glas geleert hatte, warf er es mit Schwung über seine Schulter hinter sich. Er erfreute sich und andere am Geräusch der zerklirrenden Gläser. Niemand fand das außergewöhnlich, und manchmal folgten auch andere seinem Beispiel. Lazarus, so wurde er gelegentlich genannt, starb übrigens etwa ein halbes Jahr später an Herzversagen. In keinem der vielen Sarggeschäfte Pekings war für seine gewaltige Gestalt ein fertiger Sarg zu finden. Es musste einer maßgeschreinert werden.&#8221;</p>
<p>Am 28.04.1926 ist Werner Lazarowicz in Peking gestorben. Auch sein Compagnon Paul Hachmeister ist später in Peking verstorben.</p>
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		<title>Rollmann, Julius (1866-1955), Hafenbaudirektor</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Oct 2010 14:40:05 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[Julius Rollmann,  Hafenbaudirektor   (1866 – 1955) 
Geboren am 28.7.1866 in Stralsund, als Sohn des Prof. Dr. phil. Wilhelm Rollmann und der Ida, geb. Lentze. Der Vater war Oberlehrer für Mathematik und Naturwissenschaften am Gymnasium. Julius besuchte dieses Gymnasium von 1875 bis 1885.  Ab Ostern 1885 studierte er an der Techn. Hochschule in Braunschweig die Bauingenieurwissenschaften [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Julius Rollmann,  Hafenbaudirektor   (1866 – 1955) </strong></p>
<p>Geboren am 28.7.1866 in Stralsund, als Sohn des Prof. Dr. phil. Wilhelm Rollmann und der Ida, geb. Lentze. Der Vater war Oberlehrer für Mathematik und Naturwissenschaften am Gymnasium. Julius besuchte dieses Gymnasium von 1875 bis 1885.  Ab Ostern 1885 studierte er an der Techn. Hochschule in Braunschweig die Bauingenieurwissenschaften und bestand im Nov. 1889 die erste staatliche Hauptprüfung. Vom 1.12.1889 bis Jan. 1893 als Königlicher Regierungs-Bauführer bei der „Kaiserlichen Kanal Kommission zur Erbauung des Nord-Ostsee-Kanals“ tätig, speziell dem Kanalbau Rendsburg zugeteilt. Daraufhin Erstellung einer Baumeisterarbeit und mündliche staatliche Hauptprüfung im Mai 1894. Im gleichen Monat noch als Königlicher Regierungs-Baumeister der „Königlichen Kanal Kommission für die Erbauung  des Dortmund Emshäfen Kanals“ als Streckenmeister überwiesen. Sein Wohnort war Fuestrup bei Gimbte/Westf.  Am 6.10.1894 Heirat in Weimar mit Else Eggeling (* 31.5.1871 in Braunschweig), Tochter des Pfarrers i.R. Otto Eggeling.</p>
<p>In Fuestrup wurden geboren: Wilhelm (* 19.9.1895) und Julius (* 11.5.1897). 1897 las er von einem Stellenangebot der Kaiserlichen Marine Werft in Wilhelmshaven, die einen Regierungs-Baumeister mit Erfahrung im Wasserbau suchte. Rollmann bewarb sich erfolg-reich und siedelte im Herbst 1897 mit Familie nach Wilhelmshaven über, wo er Anfang 1898 zum Marine Hafenbaumeister ernannt wurde. Er wurde mit der Bildung und Leitung eines neuen Konstruktionsbüros beauftragt, das die Entwürfe für die geplanten neuen Hafenbauten der Werft ausarbeiten sollte. Später folgte dann auch die Bauausführung der Werft-erweiterung. In WHV geboren wurden Erika (* 7.8.1900) und Adalbert (* 28.10.1901).</p>
<p>Im Pachtgebiet Kiautschou, China, das dem Reichsmarineamt unterstand, lief 1902 die Amtszeit des ersten Hafenbaudirektors Gromsch ab. Tirpitz bestimmte Rollmann zu dessen Nachfolger und ernannte ihn zum Baudirektor in Tsingtau. Am 1.10.1902 bestieg er mit seiner Familie in Genua das Schiff und landete am 6.11. in Tsingtau. In den nächsten Tagen erlebte er die Grundsteinlegung für die erste Mole des Großen Hafens mit. Der Bau des Großen Hafens hatte 1899 begonnen, der Plan dafür stammte im wesentlichen von Hafenbau-direktor Georg Gromsch, mit Ergänzungen durch Admiralitätsrat Emil Rechtern, der dafür extra für einige Wochen aus Berlin nach Tsingtau gekommen war.  Der Erbauer des Hafens war die Firma C. Vering unter Leitung der Ingenieure John Stickforth und Friedrich Schnock. Rollmann  bezog mit der Familie die Amtswohnung an der Ecke Friedrichstraße und Prinz Heinrich Straße, in der schon sein Vorgänger Gromsch residiert hatte. Fünf Jahre lang war Rollmann in Tsingtau tätig als Chef des gesamten offiziellen Bauwesens. Ihm unterstanden die 3 Hauptabteilungen: 1) Hafenbau, 2) Tiefbau, 3) Hochbau. Dem Leiter der Hochbau-abteilung, Karl Strasser, gefiel es nicht, dass er über sich einen Chef hatte.  Er wollte sein eigener Herr sein. 1905 wurde dann die Hochbauabteilung selbständig und Rollmann unter-standen nur noch die Abteilungen 1) und 2).  Er hatte die Genugtuung mitzuerleben, dass während seiner Amtszeit die Mole 1 (1904) und Mole 2 (1905) fertiggestellt wurden. <em>(Der Erbauer des Hafens, Ingenieur Stickforth, hatte 3 Söhne. In der Schule hatten diese die Spitznamen: Mole 1, Mole 2, Mole 3 !)</em></p>
<p>Dem Ehepaar Rollmann wurden in Tsingtau 2 weitere Kinder geboren: <span style="text-decoration: underline;">Hans Bernhard </span>Otto Dachi (* 15.3.1903) und <span style="text-decoration: underline;">Else Edda </span>Louise Gertrud Magda Kin Lien (* 14.11.1906). Die Namen <em>Da chi </em>und <em>Kin Lien </em>sind offensichtlich chinesische Namen.</p>
<p>Am 1. Dezember 1907 verließ Marine-Oberbaurat Rollmann nach 5jähriger Amtsperiode Tsingtau und er kehrte mit seiner Frau und den 6 Kindern nach Wilhelmshaven zurück, wo er Anfang 1908 seinen neuen Dienst als Marine Hafenbaudirektor antrat. Leider hatte er in den nächsten 4 Jahren mit großen baulichen Problemen zu kämpfen, denn bei den inzwischen gebauten 2 Trockendocks und bei der 3. Hafeneinfahrt traten gravierende Mängel auf. Die Aufregungen und Sorgen führten schließlich im Herbst 1912 zu einer Hauterkrankung, die einen längeren Kuraufenthalt nötig machten. Das Reichsmarineamt hatte ein Einsehen und versetzte Rollmann als Marine Hafenbaudirektor an die Kaiserliche Werft Kiel, wo er seinen  Dienst am 1.4.1913 antrat und wo die Gesundung große Fortschritte machte. Bald brach der Weltkrieg aus. Dadurch vergrößerten sich die Anforderungen der Flotte und alle baulichen Anlagen der Werft mussten vergrößert werden, bis ins letzte Kriegsjahr hinein. Noch im Herbst 1918 besuchte der Kaiser die Kieler Werft und übergab persönlich an Rollmann den Kronenorden II. Klasse am weiß-schwarzen Bande. Acht Tage später bildeten sich in Kiel Arbeiter- und Soldatenräte und Kaiser Wilhelm II. dankte ab. 1921 wurde Rollmann von der Marine auf Wartegeld gesetzt. Er wechselte deshalb nach Berlin in das Reichsverkehrs-</p>
<p>ministerium, wo er zum Ministerialrat ernannt wurde. Bis zu seiner Pensionierung 1931 war er in dem Referat „Wasserstraßen“ tätig.   1955 ist Julius Rollmann, fast 90 Jahre alt, in Kiel gestorben.</p>
<p>(Quelle: Julius Rollmann: Autobiographie (maschinenschriftlich, 8 Seiten), verfasst Sept. 1944.  Einige seiner Formulierungen wurden wörtlich übernommen.)</p>
<p>Der ältere Bruder von Julius Rollmann war <strong>Max Rollmann </strong>(1857 – 1942), der eine Karriere als Seeoffizier absolvierte. Er brachte es bis zum Admiral. Seit Dezember 1898 war er als Kommandant des Kleinen Kreuzers  SMS Gefion in Ostasien. Als Gouverneur Jaeschke am 27.1.1901 in Tsingtau starb, wurde Fregattenkapitän Rollmann  zum kommissarischen Gouverneur ernannt. Er übte dieses Amt aus bis zum 7. Juni 1901. An dem Tag traf der neue Gouverneur, Kapitän z.S. Oskar Truppel, in Tsingtau ein.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p>4. Freiherr von Ketteler, deutscher Gesandter in Peking.</p>
<p>5. Konrad Freiherr von der Goltz, Gesandtschaftsdolmetscher für China.</p>
<p>6. Kapitän zur See Jäschke, Gouverneur von Tsingtau.</p>
<p>7. Kapitän zur See von Usedom, Kommandant der SMS „Hertha“.</p>
<p>8. Fregattenkapitän Max Rollmann, Kommandant der SMS „Gefion“.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
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		<title>Hildebrand, Heinrich (1855 – 1925) und Hildebrand, Peter (1864 – 1915) &#124; Eisenbahningenieure</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Oct 2010 19:59:47 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[(Eine biographische Skizze, zusammengestellt von Wilhelm Matzat im August 2010.)
Heinrich und Peter Hildebrand waren von 1899 bis 1914 nacheinander die technischen Betriebsdirektoren der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft in Tsingtau. Der Stadtarchivar von Bitburg, Dr. Peter Neu, hat eine ausführliche und sorgfältig recherchierte Biographie, mit Fotos, veröffentlicht in dem von ihm verfassten Sammelband: „Bitburger Persönlichkeiten“, Bitburg 2006. Diese Biographie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(Eine biographische Skizze, zusammengestellt von Wilhelm Matzat im August 2010.)</p>
<p>Heinrich und Peter Hildebrand waren von 1899 bis 1914 nacheinander die technischen Betriebsdirektoren der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft in Tsingtau. Der Stadtarchivar von Bitburg, Dr. Peter Neu, hat eine ausführliche und sorgfältig recherchierte Biographie, mit Fotos, veröffentlicht in dem von ihm verfassten Sammelband: „Bitburger Persönlichkeiten“, Bitburg 2006. Diese Biographie muss man unbedingt lesen, wenn man hinreichend über Heinrich Hildebrand informiert sein will.  Da nicht jeder sofort die Möglichkeit haben wird, diesen Sammelband einzusehen, er ist vergriffen, habe ich hier die folgende biographische Skizze zusammengestellt, die eine erste Information liefern soll.</p>
<p>Heinrich Hildebrand wurde am 12.3.1855 in Bitburg geboren als Sohn des Gerichtsvollziehers  Johann Hildebrand und der Margaretha Hildebrand, geb. Staudt. Am 23.09.1864 wurde sein  Bruder Peter geboren.  Heinrich besuchte zunächst die Elementarschule und dann die Höhere Landwirtschaftsschule am Ort, bis er dann ans Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier kam, wo er 1874 das Abitur machte. Nach einer einjährigen Lehrzeit bei dem Kreisbauinspektor in Bitburg studierte er ab 1875 Architektur und Wirtschaftswissenschaften am Polytechnikum in Berlin. Nach dem ersten Staatsexamen im Dez. 1879 wurde er zum Bauführer ernannt und erhielt eine Anstellung bei den Berliner Stadtbahnen. Nach dem zweiten Staatsexamen Juni 1884 wurde er zum Regierungsbaumeister ernannt. Er absolvierte dann seinen einjährigen Militärdienst und wurde anschließend zur Eisenbahndirektion Köln berufen. Er leitete bis 1888 den Bau kleinerer Nebenstrecken in Eifel und Hunsrück, und dann von 1888 bis 1891 den großen Umbau des Kölner Hauptbahnhofgebäudes, der allerdings erst 1894 beendet wurde.</p>
<p>Von 1891 bis 1908 in China.  Gegen Ende des 19. Jhdts. hoffte man, u.a. in England, Frankreich, Deutschland und Belgien, dass China mit dem Bau eines Eisenbahnnetzes beginnen würde. Aufgrund des riesigen Reiches versprachen sich diese Länder dort  große Absatzmöglichkeiten für ihre jeweilige Schwerindustrie, und so herrschte ein starker Wettbewerb unter ihnen zwecks Erlangung einer Baugenehmigung seitens der chinesischen Regierung.   Anscheinend sagte sich die deutsche Gesandtschaft in Peking, dass es zweckmäßig sei, einen Fachmann für Eisenbahnbau im Mitarbeiterstab zu haben, der bei diesbezüglichen Plänen der chinesischen Regierung kompetent mit ihr verhandeln kann. Es ist nicht klar, ob diese Stelle vom Auswärtigen Amt ausgeschrieben wurde und Hildebrand sich um sie beworben hat, oder ob das AA sich an die Eisenbahnhauptverwaltung wandte und um Zuteilung eines geeigneten Kandidaten gebeten hat. Auf jeden Fall trat Hildebrand am 1.4.1891 in den Dienst des AA ein und wurde im September nach Peking geschickt, mit der Auflage, mindestens 5 Jahre in China zu bleiben und die chinesische Sprache zu lernen. Offiziell wurde er dort als Dolmetschereleve geführt.  In diesem ersten Jahr während des Sprachunterrichts in Peking hatte er genug Muße, eine der Tempelanlagen in den Westbergen zu studieren und genau aufzumessen. Jedoch erst 1897 erschien seine Studie in Buchform mit dem Titel: „Der Tempel Ta-chüeh-sy (Tempel des großen Erkennens) bei Peking.“  Aufgenommen und beschrieben von Heinrich Hildebrand.  Hrsgb. von der Vereinigung Berliner Architekten, mit 87 Abb. im Text, 8 Tafeln in Photolith und 4 Tafeln in Photogravure.   VIII, 36 Seiten. Berlin 1897.</p>
<p>Bereits ein Jahr später wurde er beurlaubt und nach Wuchang geschickt, wo er in die Dienste Zhang Zhi-dongs trat, des Generalgouverneurs der Provinzen Hubei und Hunan, der die Modernisierung Chinas vorantreiben wollte und sich besonders für den Bau von Eisenbahnen einsetzte. Insgesamt 6 Jahre, bis 1898, war Hildebrand für ihn tätig, residierte zeitweilig in Nanking. Über seine Gespräche mit dem Generalgouverneur berichtete er regelmäßig an die deutsche Gesandtschaft in Peking. Für Zhang erstellte er in unermüdlicher Arbeit die technischen Vorprojekte zu der Hankou-Peking-Bahn, der Shanghai-Nanking-Bahn und der Hankou-Tschungking-Bahn. Eigentümlicherweise ging dann der Bau dieser 3 großen Strecken, für die Hildebrand die Vorarbeit geleistet hatte, jeweils an nicht-deutsche Finanzsyndikate. Immerhin konnte er in dieser Zeit 2 kleine Strecken bauen. 1890 hatte Zhang in Hanyang ein modernes Eisen- und Stahlwerk errichtet, 1894 kam dann die Eröffnung der Eisengrube in Da-ye hinzu. Um das Eisenerz von dort nach Hanyang zu bringen, baute Hildebrand eine entsprechende Industriebahn. Dem Han-Ye Werk scheint bald das Geld ausgegangen zu sein, so dass es 1896 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, ihr Direktor wurde der Industrielle Scheng Hsüan-huai, mit dem Hildebrand auch später noch zu tun hatte.</p>
<p>Außerdem gelang es Zhang und Hildebrand, gegen den Einspruch aus Peking, mit chinesischem Kapital von 1896 bis 1898 einen Teil der Bahnlinie Shanghai-Wusong zu bauen, den Hauptauftrag bekamen jedoch britische Gesellschaften.  Immerhin kam ein Teil des Materials aus Deutschland, und Hildebrand konnte auch die Beteiligung von deutschen Ingenieuren durchsetzen, darunter seinen Bruder Peter, 32 Jahre alt. Es ist nicht bekannt, welche Art Ausbildung Peter Hildebrand gehabt hat, wahrscheinlich auch als Baumeister, denn später wird er als Bauinspektor und dann als Baurat bezeichnet.</p>
<p>Als Zhang Zhi-dong der Zentralregierung zu einflussreich geworden war, unterstellte sie die Weiterbearbeitung der staatlichen Bahnprojekte einem Sonderdelegierten, dem zum Minister ernannten Scheng Hsüan-huai (siehe oben). Er ließ sich von Hildebrand als technischem Sachverständigen beraten.</p>
<p>Im März 1898 kam dann für Heinrich Hildebrand die große Wende in seinem Leben. Die Deutschen hatten im November 1897 ein Areal an der Kiautschou Bucht besetzt, da sie in Ostasien unbedingt einen Flottenstützpunkt benötigten. Diese Aktion wurde durch einen Vertrag mit der chinesischen Regierung legalisiert, das Kiautschougebiet wurde für 99 Jahre an Deutschland verpachtet. Zusätzlich wurden in dem am 6.3.1898 unterzeichneten Vertrag den Deutschen Sonderrechte in der Provinz Schantung zugesprochen: sie durften in ihr 3 Bahnlinien bauen und erhielten Schürfrechte für Kohle, Eisenerz etc. in einer Zone von jeweils 15 km beiderseits der zu errichtenden Bahnlinien.</p>
<p>Als in Deutschland diese Vertragsbestimmungen bekannt wurden, bildeten sich rasch 5 Syndikate, die sich  darum bemühten, die Konzession für den Bau der ersten Bahnlinie, von Tsingtau zur Provinzhauptstadt Tsinan (ca. 400 km) zu erhalten. Die deutsche Regierung befürchtete aber, dass das einzelne Syndikat nicht genug Geld aufbringen könnte und drängte zu einem möglichst weitgehenden Zusammenschluss. Die deutsche Hochfinanz war durch das sog. Bankenkonsortium vertreten und engagierte Hildebrand sowie weitere Ingenieure, u.a. den Bruder Peter Hildebrand und den Ingenieur Luis Weiler, der bei dem Bau der Korat-Bahn in Thailand mitgewirkt hatte. Das sog. Schantung-Syndikat (unter Führung des großen China-Handelshauses Carlowitz &amp; Co. und einiger Industrieller aus dem Ruhrgebiet) holte sich Alfred Gaedertz, der Erfahrungen in der Türkei hatte sammeln können. Sowohl Hildebrand als auch Gaedertz kamen im Sommer 1898 nach Tsingtau und marschierten, unabhängig von einander, die 400 km Route von Tsingtau nach Tsinan und wieder zurück ab. Sie sollten die bestmögliche Trassierung der Bahnlinie, die Bedingungen für die Anlage der Bergwerke und die zu erwartenden Kosten des Bahnbaus untersuchen.</p>
<p>Der Eisenbahningenieur Luis Weiler kam ebenfalls im Sommer 1898 als Mitarbeiter von Hildebrand. Er war bis 1901 beim Bau der Schantung Bahn beschäftigt und hat wöchent-lich einen Brief an seinen Vater in Wiesbaden geschickt, der ebenfalls Eisenbahningenieur gewesen war. Die handschriftlichen Originalbriefe liegen jetzt im Archiv des Deutschen Museums in München. Aus ihnen ergeben sich u.a. interessante Informationen und Urteile über Heinrich Hildebrand (siehe unten im Lit.Verz. den Aufsatz von R. Falkenberg).   Es folgten 1898-99 langwierige Verhandlungen zwischen den Syndikaten und den deutschen Reichsbehörden. Diese erreichten immerhin, dass vier Syndikate sich zu einem Vereinigten Syndikat zusammenschlossen. Dieses bewarb sich am 24. Mai 1899 beim Reichskanzler und erhielt am 1. Juni 1899 die Konzession zum Bau der Schantung-Bahn. Am 14. Juni wurde daraufhin in Berlin die Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft gegründet, mit einem Grundkapital von 54 Millionen Mark. Der Hauptsitz wurde bald nach Tsingtau verlegt durch Eintragung in das dortige Handelsregister, während die bisherige Niederlassung in Berlin in eine Zweig-niederlassung umgewandelt wurde. Die Leitung der Gesellschaft blieb natürlich in Berlin, Gaedertz wurde einer der drei Direktoren im Vorstand. Die Bauausführung unterstand der Betriebsdirektion in Tsingtau und Heinrich Hildebrand wurde mit ihrer Leitung beauftragt. Er behielt diese bis zum Jahre 1908, sein Bruder Peter hatte dann die Leitung von 1908 bis 1914.</p>
<p>Über weitere Aspekte von Heinrich Hildebrands Tätigkeit in Tsingtau als technischer Betriebsdirektor der Eisenbahngesellschaft bis zum Jahre 1908 informieren ausführlich die Dissertation von Vera Schmidt: „Die deutsche Eisenbahnpolitik in Shantung 1898 – 1914“, Wiesbaden 1976 und die von Dr. Peter Neu verfasste Biographie.   In dem  Pachtvertrag von 1898 war festgelegt worden, dass die Deutschen 3 Eisenbahn-strecken in Schantung bauen dürfen. Hildebrand konnte also den Triumph erleben, dass im Juni 1904 „seine“ Strecke Tsingtau-Tsinan (400 km) termingerecht fertiggestellt worden war. Anschließend durfte er einen 6-monatigen Heimaturlaub antreten. Zum Bau einer zweiten und dritten Strecke kam es zunächst nicht, Hildebrand blieb aber trotzdem in Tsingtau. Wahr-scheinlich hoffte er, auch die Direktion beim Bau der Nord-Süd-Strecke durch Schantung (Tientsin-Tsinan-Pukou) übernehmen zu dürfen. Aber die Verhandlungen zum Bau dieser Linie zwischen den deutschen und britischen Geldgebern einerseits und der chinesischen Regierung andererseits zogen sich endlos hin. Die Chinesen waren nicht mehr bereit, neue Eisenbahnlinien als Eigentum ausländischer Firmen errichten zu lassen. Die geplante Strecke sollte als chinesische Staatsbahn betrieben werden. Am 13.1.1908 wurde endlich der Vertrag unterzeichnet. Für den Bau durch Schantung waren deutsche Ingenieure und deutsches Material vorgesehen, für die Strecke durch Jiangsu und Anhui britische Techniker. Die Deutschen forderten, dass entweder Heinrich oder Peter Hildebrand der Chefingenieur der deutschen Strecke werden sollte, was die Chinesen entschieden ablehnten, da beide sich im Laufe des Bahnbaus (1899-1904) bei denen aus verschiedenen Gründen unbeliebt gemacht hatten. Der Betriebsdirektion in Tsingtau unterstanden mehrere Abteilungen, eine davon war das sog. Technische Bureau. Im Herbst 1907 erhielt es einen neuen Leiter, aus Deutschland traf der 38jährige Julius Dorpmüller ein. Als nun im Januar 1908 der Bau der Tientsin-Pukou Bahn begonnen werden konnte und die Chinesen die Anstellung der Hildebrand Brüder ablehnten, bot man Dorpmüller diesen Posten an, der ihn auch übernahm (bis 1917). Im Sommer 1908 siedelte Dorpmüller nach Tsinan über, sein Aufenthalt in Tsingtau hat nicht länger als 8 Monate gedauert.</p>
<p>Heinrich Hildebrand merkte nun, dass er in China nichts mehr erreichen konnte und schied deshalb 1908 auf eigenen Wunsch aus den Diensten der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft aus.  Zum Abschied wurde am 23. Oktober 1908 im großen Saal des Prinz Heinrich Hotels ein Kommersabend für ihn veranstaltet, an dem mehrere hundert deutsche und chinesische Männer teilnahmen, an der Spitze der Gouverneur Truppel. Die erste Hauptrede hielt der Chinesenkommissar Dr. Wilhelm Schrameier, die zweite im Namen der Beamten der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft Franz Wauschkun, der fast gleichzeitig mit Hildebrand im Jahre 1898 nach Tsingtau gekommen war. Der Leiter des Kommerses, Oberlehrer Dr. Dönitz, schilderte den Gast des Abends in seiner Eigenschaft als Privatmann. Conrad Miss sprach für die Handelskammer. Der chinesische Sekretär der Eisenbahn, Tsou Tschi-fang, überbrachte den Dank der chinesischen Angestellten, und der Vorsitzende des Chinesenkomitees Ting pries Hildebrands Tätigkeit im Namen der chinesischen Kaufmannschaft. Das chinesische Unterpersonal der Eisenbahn-Gesellschaft übergab eine Anzahl Ehrenschirme und Dekorationen als Dank für seine Fürsorge, die er demselben hat angedeihen lassen. Am 27. Okt. 1908 verließ Heinrich Hildebrand, zusammen mit seiner Familie, Tsingtau. (Die Reden von Schrameier und Wauschkun sind in vollem Wortlaut abgedruckt in der Kiautschou-Post 1908, S. 64-65. Schrameiers Text auch in den Tsingtauer Neuesten Nachrichten vom 27.10.1908.)</p>
<p>Heinrich Hildebrand (kathol.) hat erst spät, er war nun fast 50 Jahre alt, geheiratet. Am 3.11.1903 heiratete er in Shanghai Ellen P.C. Schumacher, sie stammte aus Wermelskirchen (dort * 8.10.1867), war die Tochter des Kommerzienrates Julius Schumacher und der Augusta Behrens. 1904 kam der Sohn Heinrich jun. zur Welt und am 28.8.1906 wurden ihm in Tsingtau die Töchter Gertrud und Hedwig geboren. Er erhielt im Laufe der Jahre verschiedene Orden und Titel, als Geheimer Baurat verließ er China im Jahre 1908 und trat in den Staatsdienst zurück, war jedoch bis 31.12.1909 aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt. Er hat in dieser Zeit hauptsächlich in Bitburg gewohnt. Anfang 1910 sandte das AA ihn an die deutsche Gesandtschaft in Brasilien mit dem Auftrag, sich um die Bahnbauarbeiten im Staate Santa Catharina zu kümmern. Der Aufenthalt dort kann nicht lange gedauert haben, denn wegen „seiner geschwächten Gesundheit“ wurde er bereits am 7.11.1910 aus dem Staatsdienst entlassen und pensioniert. 1911 rief ihn Scheng Hsüan-huai, inzwischen Verkehrsminister, nach China zurück. Mit der Revolution vom 10.11.1911 und dem anschließenden Sturz der Mandschu-Dynastie verlor aber Scheng seinen Posten, und so blieb Hildebrand nichts anderes übrig, als 1912 endgültig nach Deutschland heimzukehren. 1913 wurde er zum Direktor der deutschen Santa-Catharina-Eisenbahngesellschaft in Brasilien berufen, kehrte also nach Südamerika zurück. Auch hier war schon nach einem Jahr die Tätigkeit beendet, diesmal durch den Beginn des Ersten Weltkriegs. Es gelang ihm aber noch, das Land zu verlassen und die Heimat zu erreichen. Bis zu seinem Tode lebte er immer zeitweise in Berlin-Schöneberg und zeitweise in Bitburg bei seiner Schwester Josefine.  Er starb, 71 jährig, „nach kurzem, schweren Leiden“ in Berlin am 29.8.1925, wurde aber in Bitburg auf dem Friedhof an der Erdorfer Straße begraben. Sein Grab ist erhalten. Eine Straße in Bitburg ist nach ihm benannt.</p>
<p>Peter Hildebrand (* 23.09.1864) kam spätestens 1896 nach China, sicherlich durch seinen Bruder Heinrich herbeigerufen, um bei dem Bau der Eisenbahnlinie Shanghai-Wusong mitzuwirken. 1899 holte ihn sein Bruder  nach Tsingtau und Peter wurde während des Baus der Eisenbahnlinie von Tsingtau nach Tsinan (1899 – 1904) als Sektionsingenieur eingesetzt. Nach dem Sommer 1904 leitete er für einige Jahre in Tsingtau das Technische Bureau der Eisenbahngesellschaft. Als Heinrich im Oktober 1908 China verließ, war Peter von da an bis 1914 der technische Direktor der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft in Tsingtau. Am 24.4.1914 verließ Baurat Peter Hildebrand zusammen mit seiner Frau Tsingtau zu einem 6-monatigen Heimaturlaub, sie fuhren über Sibirien. Als am 1.8.1914 der Krieg begann, wurde Peter Hildebrand einberufen und später eingesetzt als Hauptmann der Landwehr  und Adjutant bei der Linien-Kommandantur in Lodz. Als ein Herzfehler bei ihm auftrat, wurde er zur Kur nach Bad Nauheim geschickt, wo er am 8.8.1915 gestorben ist.   (Quellen: Nachruf in Ostasiatische Rundschau, 1925, S. 179; Peter Neu: „Heinrich Hildebrand“, in: Bitburger Persönlichkeiten. Bitburg 2006, S. 115-126; Vera Schmidt: „Die deutsche Eisenbahnpolitik in Shantung 1898 – 1914.“  Wiesbaden 1976. – Rainer Falkenberg: „Luis Weilers Briefe aus China (Dez. 1897 – Aug. 1901)“, in: Beiträge zu den deutsch-chinesischen Beziehungen, hrsgb. von Kuo Heng-yü u. M.Leutner, Berliner China-Studien 12, 1986, S. 113-34.)</p>
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		<title>Rothkegel, Curt (1876-1945), Architekt</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Sep 2010 21:14:58 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[ Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. 
 
 Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.
Einleitung:
Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
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<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
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<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet.Jener ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten bogenförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
<p><strong> Curt Rothkegel, (1876 &#8211; 1945) , Architekt in China 1903 bis 1929. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong>Zusammengestellt von Wilhelm Matzat, Bonn.</p>
<p>Einleitung:</p>
<p>Am 23. Oktober 2010 wird es in Tsingtau in der Christuskirche einen Festgottesdienst geben in Erinnerung daran, dass vor genau 100 Jahren am 23.10.1910 diese Kirche eingeweiht wurde. Sie war keine Garnisonskirche, wie häufig fälschlicherweise behauptet wird, denn sie wurde vom damaligen Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin für die protestantische Zivilgemeinde errichtet, der die gesamten Baukosten (236000 Mark)  trug, die durch Spenden und Sponsoren zusammengekommen waren. Das Gouvernement in Tsingtau schenkte lediglich das Grundstück.  Rechtzeitig zur damaligen Eröffnung war eine Orgel aufgestellt worden, die von der Firma Gebr. Link in Giengen gebaut worden war. Die Kommunisten haben dann im Dezember 1949 die Kirche geschlossen und später auch die Orgel weg-geschafft, wahrscheinlich nach Peking. 1980 wurde die Kirche restauriert und den chinesi-schen Protestanten zur Benutzung überlassen. Erst jetzt zum Jubiläum ist eine Orgel gestiftet worden, gebaut von der Firma Jäger &amp; Brommer in Waldkirch. Die Orgel ist inzwischen in Tsingtau eingetroffen und wird am 23. Okt. 2010 zum ersten Male ertönen.</p>
<p>Bei dem Festgottesdienst wird auch Pfarrer Dr. Karl-Heinz Schell aus Peking mitwirken, dessen Pfarrbezirksprengel von Shenyang bis nach Tsingtau reicht.</p>
<p>Der Architekturentwurf für die Christuskirche stammt von <strong>Curt Rothkegel</strong>, der von 1903 bis 1929 als Architekt in China tätig war. Von den vielen Gebäuden, die er in China entworfen und z.T. auch gebaut hat, ist die Christuskirche das markanteste und noch ständig benutzte, seit 100 Jahren in derselben Funktion.  Aus Anlass dieses Tsingtauer Jubiläums habe ich versucht, einmal eine einigermaßen zusammenhängende Biographie von Rothkegel zu verfassen. Bis jetzt lagen mir nur einzelne Berichte und Notizen verschiedener Familien-mitglieder vor. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Darstellung notwendigerweise etwas einseitig auf Rothkegels baulichen Aktivitäten.           Wilhelm Matzat, Bonn im Sept. 2010</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> Biographie </strong></p>
<p>Die beste Übersicht über Rothkegels Bauten in China erhält man in dem Buch von Torsten Warner, das dreisprachig erschienen ist, mit dem Titel: „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994.  Wenn in dem folgenden Text ein Rothkegel Gebäude erwähnt wird, das auch bei Warner abgehandelt wird, dann erfolgt in Klammern in Kursivschrift ein Hinweis auf die Seitenzahl in Warners Buch, wo Fotos und weitere Details zu sehen sind. -  Rothkegels Bauten in Tsingtau sind zusätzlich abgebildet in dem Buch von Yuan Bin-jiu: „German Architecture in Qingdao“, Beijing 2009. Auch in diesem Fall wird auf die Seitenzahl in Yuans Buch verwiesen.</p>
<p>Curt Rothkegel wurde am 24. Mai 1876 in Groß Strehlitz, Oberschlesien, geboren, als Sohn des dortigen Gymnasiallehrers Franz Rothkegel und der Anna Rothkegel, geb. Salzbrunn.</p>
<p>Der Vater wurde 1885 nach Glatz versetzt, wo Curt auf das Gymnasium kam. Er soll ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein mit wenig Lust zum Lernen, so dass er im Unterricht nicht gut mitkam. Schon nach dem 1. Viertel in der Quarta (er war also 13 oder 14 Jahre alt) wurde er deshalb aus der Schule genommen und in die Lehre beim Maurermeister Gießer in Glatz gegeben. Er schloss diese mit der Gesellenprüfung ab und besuchte anschließend die Baugewerkschule in Breslau. Er erzielte ein besonders gutes Abschlussexamen, dieses führte auf Grund des sog. Künstlerparagraphen zur Ablegung einer weiteren mehr wissenschaftlich gehaltenen Prüfung. Sie berechtigte zum Militärdienst als Einjährig Freiwilliger. Er diente sein Jahr bei den 6. Pionieren in Neiße ab und wurde später Reserveoffizier bei dem Bataillon. Daraufhin hat er einige Semester als Gasthörer an der TH in Charlottenburg Architektur studiert. Dann war er als Bauführer in Westdeutschland bei verschiedenen Firmen tätig, u.a. in Trier. In Rhede (Bezirk Münster) leitete er 2 Jahre lang den Bau einer Kirche. (Die Familie Rothkegel war altkatholisch.)</p>
<p>Anscheinend reizte es ihn, auch einmal im Ausland tätig zu sein. So wird er eines Tages auf eine Anzeige des Reichsmarineamtes gestoßen sein, in der für die Bauabteilung des Gouvernements in Tsingtau Bauführer gesucht wurden. Rothkegel bewarb sich und wurde genommen. Er war 27 Jahre alt, als er 1903 in Tsingtau eintraf. Da dort seit 1898 auf der „grünen Wiese“ eine ganz neue Stadt im Entstehen war, gab es genug Bauaufgaben. Rothkegel war zwar Angestellter der dortigen amtlichen Hochbauabteilung, hatte aber anscheinend genug Muße, sich auch an privaten Architektur-Wettbewerben zu beteiligen. Gleich im ersten Jahr dort, 1904, gewann er den 1. Preis für seinen Entwurf eines großen Theater- und Konzertsaales des Prinz Heinrich Hotels in Tsingtau. Dieser wurde dann auch 1905 nach seinem Plan errichtet. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S. 384. Das Gebäude ist jetzt  abgerissen.) </em>Die Arbeitsbedingungen in der Hochbauabteilung des Gouvernements scheinen Rothkegel nicht gefallen zu haben, denn schon im Herbst 1904 schied er aus und gründete sein eigenes „Atelier für Architectur und Kunsthandwerk“, das Geschäftslokal lag in der Tirpitzstraße 141. Als (kurzfristigen) Mitarbeiter gewann er W. Borchmann, der bis dahin als Techniker in der Baufirma Lieb &amp; Leu beschäftigt gewesen war.</p>
<p>Am Abend des 15. April 1904 brannte in Seoul der Kaiserpalast total ab, der fast vollständig aus Holzbauten bestanden hatte.  Der Kaiser floh in die Bibliothek, das einzige Steinhaus auf dem Gelände. Da dieses von einer hohen Mauer umgeben war, beschränkte sich der Brand auf das Palastareal. Der Kaiserhof beschloss, den neuen Palast im „europäischen Stil“ errichten zu lassen. Einige in Korea tätige Deutsche, wie der Bergingenieur Kegel und der Leibarzt des Kaisers, Dr. Wunsch, hatten den Ehrgeiz, für den Palastneubau einen deutschen Architekten durchzusetzen. Unterstützt dabei wurden sie sicherlich von der deutschen Hofzeremonienmeisterin Fräulein Antoinette Sontag. Man wandte sich an die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau, ob sie einen deutschen Architekten für dieses Projekt empfehlen könne. Ein dortiges Mitglied, der Architekt Lazarowicz, war mit Rothkegel seit dessen Ankunft in Tsingtau befreundet. Jener empfahl also Rothkegel, immerhin hatte der Gewinn des 1. Preises für den Entwurf zum großen Festsaal des Prinz Heinrich Hotels ihn mit einem Schlag bekannt gemacht. Ein Kriegsschiff des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders brachte ihn Anfang 1905  nach Korea. Nachdem er von den Wünschen und dem Gelände Kenntnis genommen hatte, entwarf er die Bauskizzen und in einer Audienz beim Kaiser wurde ihm der Bauauftrag erteilt.  Rothkegel begann im  Frühjahr 1905 mit den Vermessungen und Absteckungen. Leider tobte zu der Zeit gerade der Russisch-Japanische Krieg (1904-05), und in vielen Städten Koreas waren japanische Truppen einmarschiert, die sich als die eigentlichen Herren Koreas aufführten. Den Japanern war Rothkegels Tätigkeit unwillkommen. Er wurde ständig von japanischen Agenten beschattet, und schließlich wurde der Kaiser genötigt, das Bauprojekt aufzugeben. Im übrigen hatte Rothkegel auch von hohen koreanischen Beamten den Auftrag erhalten, Villen für sie zu entwerfen. Die politischen Umstände verhinderten also die Ausführung der koreanischen Projekte und Rothkegel wurde auf einem deutschen Kriegsschiff nach Tsingtau zurückgebracht. Da er ein stattliches Honorar bekommen hatte, konnte er trotzdem zufrieden sein.</p>
<p>In Tsingtau lieferte Rothkegel in den Jahren 1905-06 die Entwürfe für 9 Villen und Wohnhäuser und den Plan für eine große Geschäftshausanlage, die auch alle gebaut wurden. Leider wissen wir nicht, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Man darf vermuten, dass darunter die Larz Apotheke war <em>(Warner S.288-8. Yuan S.169) </em>und die Pension der Helene Luther <em>(Warner S.274-75. Yuan S.214. Beide Häuser stehen noch.) </em></p>
<p>Im Jahre 1905 gewann er den 1. Preis für den Entwurf zum deutschen Club Concordia in Tientsin <em>(Warner S.64-65). </em> Anscheinend war mit der Preisverleihung die Bedingung verknüpft, auch die Baupläne auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Dies hatte zur Folge, dass Rothkegel 1906 nach Tientsin übersiedelte,  obwohl sein offizieller Wohnsitz noch bis Herbst 1907 in Tsingtau registriert war.  Auch in Tientsin  hat er bis 1909 wieder eine größere Anzahl von Wohn- und Geschäftshäusern erbaut, ebenfalls im Seebad Beidaihe.</p>
<p>In Tsingtau hatte das Gouvernement im Jahre 1899 eine protestantische Kapelle bauen lassen. Im Jahre 1907 beschloss der Evangelische Kirchenausschuss in Berlin, für die evan-gelische Zivilgemeinde in Tsingtau eine größere Kirche errichten zu lassen. Der Ausschuss trug die gesamten Baukosten, die durch Spenden und Sponsoren finanziert werden konnten. Im Februar 1907 erschien in den Zeitungen eine Anzeige mit dem „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau“. Nur Architekten, die ihren Wohnsitz in Ostasien hatten, durften daran teilnehmen. Elf Entwürfe gingen ein, darunter auch einer von Rothkegel. Am 18.7.1907 wurde das Ergebnis verkündet, Rothkegel erhielt den 1. Preis (1500.- $), und von 1908-10 wurde die Christuskirche nach seinem Entwurf (mit einigen Abwandlungen) gebaut. <em>( Warner S. 244-47. Yuan S.54) </em>Am 23. Okt. 2010 wird es in dieser Kirche, die seit 1980 von den chinesischen Protestanten benutzt wird, eine Gedenkfeier zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung geben.</p>
<p>Im Herbst 1908 musste Rothkegel eine dramatische Bausituation überstehen. Die amerikanische Marine schickte in dem Jahr eine repräsentative Flotille auf eine Art Freundschaftsreise um die Welt. Der Besuch in China sollte in Amoy (Xiamen) stattfinden. Die chinesischen Behörden übertrugen alle Vorbereitungen zu diesem Empfang einer deutschen Großhandelsfirma. Sie engagierte Rothkegel für die Errichtung der (temporären) Baulichkeiten. Als er eintraf, war nicht mehr viel Zeit, so dass fieberhaft gearbeitet werden musste. Aber alles war fast fertig, als ein gewaltiger Taifun alles zusammenwehte und stellenweise 5 Meter hoch überschwemmte. Nach dem Abflauen des Sturmes blieben nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Flotte, jedoch wurde alles geschafft und wieder hergestellt. Nur die Siemens-Maschinen für den elektrischen Strom waren total unter dem schlammigen Sand begraben. Immerhin hatten Rothkegel und die Arbeiter sich angeseilt und die Maschinen mit Ketten und Schnüren vorm Wegschwemmen gerettet. Als Ersatz für das ausfallende elektrische Licht begann die Behörde, an der Küste nördlich und südlich Amoys alle Petroleumlampen einzusammeln. Trotzdem wurden auch die Siemens-Lichtmaschinen freigelegt und nach tagelangem Säubern noch gerade rechtzeitig zum Empfang funktionsfähig gemacht. Dass Rothkegel die Chinesen vor einer Blamage bewahrt hatte verschaffte ihm bei ihnen ein hohes Ansehen. Der chinesische Delegierte sagte zu Rothkegel nach Absolvierung des Empfanges: „Ich liebe hart arbeitende Männer und hoffe, Sie bald mit einer Ordens-auszeichnung begrüßen zu können.“  Den Orden hat er nie erhalten, weil der Delegierte bald aus dem Staatsdienst ausschied.</p>
<p>Rothkegel war per Schiff nach Amoy gekommen. Er kehrte nun auf dem Landweg, wegen des Räuberunwesens von einer Militäreskorte begleitet,  nach Tientsin zurück, fuhr aber gleich weiter über Sibirien, um rechtzeitig zu Weihnachten 1908 bei seinen Eltern und Geschwistern in Ziegenhals zu sein. Der Ort liegt am Fuße des Altvatergebirges. Bei einem Ausflug dahin verlobte sich Curt mit Gertrud, der Tochter des Fabrikanten Waldemar Zimmermann in Mittel-Neuland bei Neiße (Weigelwerke A.G.). Am 20.2.1909 fand in Neiße eine große Hochzeit statt und anschließend reiste das Paar über Sibirien nach Tientsin, wo es am 15. März eintraf, morgens um 6.45 Uhr. Obwohl noch stockdunkel, waren 15 Herren der deutschen Kolonie zum Empfang erschienen. Es ist dies ein Indiz, welches Ansehen sich Rothkegel bereits in der deutschen Gemeinde erworben hatte.</p>
<p>1909 beschloss der Tsingtau Club, der bis dahin in gemieteten Räumen im Bodewig Haus sich etabliert hatte, ein eigenes Gebäude zu errichten, an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Ufer und Friedrichstraße. Es gab eine Ausschreibung und wieder gewann Rothkegel den 1. Preis, und das Klubgebäude wurde dann auch nach seinen Plänen erbaut. <em>(Warner S. 262-63. Yuan S.221.  Es steht auch heute noch.)</em></p>
<p>In aller Öffentlichkeit wurde 1909 ein bedeutendes Bauprojekt für Peking erörtert, die Errichtung eines „Parlamentsgebäudes“. Die kaiserliche Regierung hatte sich 1905/06  endgültig für eine Reformpolitik entschieden. Eine offizielle Kommission, die verschiedene Staaten besucht hatte, um deren Verfassung zu studieren, kam im August 1906 zurück und empfahl die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Dementsprechend  ordnete die Kaiserinwitwe Cixi  im Februar 1907 die Etablierung einer Kaiserlichen Konsultativ Ver-sammlung an, die eine beratende Funktion haben sollte. Als Standort für das zu errichtende Versammlungsgebäude wurde im Juli 1907 in der äußersten Südostecke der Mandschustadt der Platz bestimmt, wo früher die Kaiserlichen Examenshallen gestanden hatten. Es ist unklar, warum auch nach 2 Jahren, also 1909, noch immer keine endgültige Bauentscheidung zustande gekommen war. Wahrscheinlich hat der Tod des Kaisers Guangxu am 14.11.1908 und von Cixi einen Tag später zu einem Entscheidungsstau geführt. Rothkegel, im März 1909 frisch verheiratet nach Tientsin zurückgekehrt, hoffte sicherlich auch, wie viele andere Architekten, den Auftrag für dieses gewaltige Bauprojekt zu erhalten. Auf jeden Fall reiste er häufig nach Peking, um Fühlung mit maßgebenden Herren der chinesischen Regierung zu nehmen und Wünsche kennen zu lernen. Es bleibt ein Geheimnis, wie es Rothkegel tatsächlich gelungen ist, den Bauauftrag zu erhalten. Es wurde schon geschildert, wie er ein Jahr vorher in Amoy die chinesische Regierung vor einer Blamage gerettet hatte. Offen-sichtlich hatte er dadurch bei dieser ein Stein im Brett. Am 7.April 1910 unterzeichnete er den Vertrag mit dem Kaiserlichen Bauamt. Seine Pläne wurden im Juli dem Thron vorgelegt und im Dezember 1910 wurde das Geld bewilligt.<em>(Warner,S.34-38) </em>Das zu erbauende Parlaments-gebäude  sollte ungefähr doppelt so groß werden wie der Reichstag in Berlin. Als Mitarbeiter für dieses riesige Projekt holte Rothkegel sich 2 junge Architekten aus Deutschland. Außerdem zog er 1911 mit seiner Familie nach Peking um, behielt aber in Tientsin ein Zweigbüro mit Angestellten, denn seinem Architekturbüro war nun auch eine Baufirma angegliedert.</p>
<p>In Peking konnten Ausländer kein Grundeigentum erwerben. Rothkegel mietete im Nordosten der Mandschustadt die chinesische Wohnung eines früheren Ministers. Es bestand aus einem großen Garten, in dem eine Anzahl kleinerer eingeschossiger Häuser gebaut waren, die durch z.T. überdeckte Gänge verbunden waren. Das Dienstpersonal bestand aus 14 Köpfen. Frau Rothkegel, als „Taitai“, durfte natürlich nicht im Haushalt arbeiten. Neben ihren gesellschaft-lichen Verpflichtungen und dem Ausreiten mit ihrem Mann zusammen wird sie sich der Erziehung ihrer 2 Söhne gewidmet haben. Dem Paar waren 2 Söhne geboren worden: Am 19.04.1910 in Tientsin Franz-Waldemar und in Peking am 14.03.1912 Helmut. Die Taufe durch den evangel. Gouvernementspfarrer Winter aus Tsingtau wurde jedes Mal im Haus der Rothkegels vorgenommen, am 28.10.1910 in Tientsin, am 25.10.1912 in Peking. Franz hatte 8 Paten, darunter Lazarowicz und Curts Bruder Walther.  Helmut hatte 7 Paten, darunter Dr. Friedrich Solger, Prof. für Geologie in Peking, und Alfred Busch, Kaufmann in Tientsin.</p>
<p>1910 entwarf er für den kaiserlichen Prinzen Tsai-Hsün eine größere Villa in Peking und besorgte auch den Bau derselben. Aufgrund unseriösen Verhaltens einer Firma in Deutsch-land  kam es zu Terminschwierigkeiten. Der Grund: Für die Verglasung hatte Rothkegel Glas erster Güte bestellt. Als nach Monaten die Sendung eintraf, waren die Scheiben fehlerhaft und verzerrten den Durchblick. Die Beschwerde wurde so beantwortet: „Es ist üblich, deutsche zweite Qualität für China als erste zu liefern“ !</p>
<p>Spätestens im Dezember 1910 begann also der Bau des riesigen Gebäudes für die Kaiserliche Konsultativ-Versammlung <em>(Warner S.34-39) </em>Bei der zuständigen Baukommission führte Prinz Pulun, ein Vetter des Kaisers Puyi, den Vorsitz. Pulun ließ sich ein Wohnhaus im europäischen Stil errichten, der Bauentwurf stammte von Rothkegel. Die Ehepaare Pulun und Rothkegel besuchten sich mehrmals gegenseitig, selbst die Kinder wurden mitgenommen. Da brach am 10.11.1911 in Wuhan die Revolution aus, die im Frühjahr zur Abdankung der Mandschu-Dynastie führte. Die neue Regierungsmannschaft um Präsident Yuan Schi-kai beschloss im Frühjahr 1912,  das Parlamentsgebäude zunächst nicht weiter bauen zu lassen. Immerhin waren die Grundmauern bis zu 1 m Höhe über der Erde fertiggestellt und von den geplanten Baukosten von 5,4 Mill. Goldmark waren rund 1 Million Goldmark bereits aus-gegeben. Endgültig wurde der Vertrag erst 1914 annulliert. Interessant ist nun, dass es Roth-kegel nahtlos gelang, auch zu den neuen Machthabern der Republik gute geschäftliche Beziehungen zu unterhalten. Verblüffenderweise erhielt er sofort den Auftrag, nun das provisorische Tagungsgebäude für die Nationalversammlung der Republik zu bauen. Der Bau begann im Herbst 1912 und wurde April 1913 fertig. Bis 1924 tagte dort das chinesische Parlament. <em>(Warner S.40-41.  Das Gebäude steht auch heute noch.) </em></p>
<p>1910 hatte es eine Ausschreibung für den Bau des Internationalen Clubs in Peking gegeben. Auch diesen Wettbewerb gewann Rothkegel und seine Firma führte den Bau aus von März 1911 bis Oktober 1912 mit samt der Innenausstattung. <em>(Warner S. 50. Noch heute vorhanden.) </em></p>
<p>1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, an der sich auch China beteiligte. Der Entwurf im chinesischen Stil für den dortigen Pavillon des Chinesischen Reiches stammte von Rothkegel. – 1912 führte er den Umbau des Wohnpalastes „Schwe wu sche“ der verstorbenen Kaiserinwitwe Cixi durch. – 1913 erhielt er den Auftrag zum Umbau des Museumsgebäudes in der Kaiserstadt sowie zur Neuausstattung der Inneneinrichtung.</p>
<p>Es ist unglaublich, wie viele Aufträge er in den Jahren 1912 bis 1914 einheimsen konnte. Er beschäftigte in seiner Firma jetzt 5 deutsche Architekten. Als er seine Baufirma gründete, hatte er diese unter dem Namen „Curt Rothkegel“ im Handelsregister des deutschen Generalkonsulats in Tientsin registrieren lassen. Am 5.7.1913 ließ er diese löschen und am nächsten Tag meldete das „Tageblatt für Nord-China“: „Im hiesigen Handelsregister ist am 5.7.1913 die Gesellschaft mit beschränkter Haftung Rothkegel &amp; Co. Architektur- und  Ingenieurbüro mit dem Sitze in Peking und einer Zweigniederlassung in Tientsin eingetragen worden. Geschäftsführer sind der Architekt Curt Rothkegel in Peking und der Architekt Walther Frey in Tientsin.“   Bald danach absolvierte das Ehepaar Rothkegel einen Besuch in Deutschland. Sie fuhr mit den 2 Söhnen und einer Amah per Schiff, er reiste mit der Bahn über Sibirien. Im Frühjahr 1914 kam die Familie wieder zurück nach Peking.</p>
<p>Vorteilhaft für den geschäftlichen Erfolg war der Umstand, dass die Rothkegels, wenn auch etwas mühsam, Chinesisch gelernt hatten, so dass bei den Verhandlungen kein Dolmetscher nötig war. Regierungsbauten wurden durch öffentliche Ausschreibungen vergeben. Welch guten Ruf Rothkegel sich bei den Regierungsstellen erworben hatte, zeigt folgende Episode. Als wieder einmal bei einem größeren Projekt der Minister (M) sich die verschiedenen Entwürfe zeigen ließ, fragte er schließlich: „Wo ist das Angebot von Rothkegel &amp; Co.?“ Antwort (A): „Es liegt keines vor“. M: „Dann fragen Sie nach“. A: „Aber der Annahmetermin ist verstrichen“. M: „Nicht für Herrn R.“ A: „R &amp; Co fallen unter die teuersten“. M: „Dafür garantiert Herr R. für seine Bauten“. -   Wegen Auftragsüberlastung konnte R. nicht teilnehmen.</p>
<p>Im Juni 1914 gewann er wieder einen besonders großen Auftrag: er sollte alle Gebäude des neuen Staatsrates im Nanhaigelände der (ehemaligen) Kaiserstadt errichten  (direkt westlich der Verbotenen Stadt), außerdem das Krönungspalais für Yuan Shi-kai, der den Plan hatte, sich selbst zum Kaiser zu ernennen und eine neue Dynastie zu gründen.</p>
<p>Da brach am 1. August 1914 der Krieg aus. Der damalige Geschäftsträger der dt. Gesandt-schaft, Legationsrat Freiherr Ago von Maltzan, teilte Rothkegel mit: „Auf Grund Ihrer guten Beziehungen zu hohen chinesischen Regierungskreisen empfiehlt die deutsche kaiserliche Regierung, dass Sie nicht nach Tsingtau einrücken“. Aber es widersprach wohl seinem patriotischem Ehrgefühl, sich vor einem Kriegsdienst drücken zu wollen. Außerdem meinte er, die dt. Besatzung in Tsingtau habe keinen Pionieroffizier, deswegen sei er dort nötig. Am 5.8. reiste er zusammen mit den 5 von ihm beschäftigten Architekten (darunter auch Walther Frey) nach Tsingtau ab und beteiligte sich bei der Verteidigung der Stadt als Hauptmann  der Landwehr in der Marine-Pionier-Kompanie des III. Seebataillons.</p>
<p>Es ist eine großartige Leistung von Frau Rothkegel, dass sie die Baufirma mehr oder weniger unbeschädigt durch die turbulente Zeit von August 1914 bis Frühjahr 1920 gebracht hat. Ihr Mann übergab ihr bei der Abreise den Geldschrankschlüssel mit den Worten: „Nun musst Du sehen, wie es weitergeht.“ Als Mitarbeiter behielt sie einen deutschen Bauaufseher und aus dem Zweigbüro in Tientsin kam ein Techniker hinzu. Dieser wollte sich aber als Chef aufspielen, so dass sie ihn nach 14 Tagen entließ, bei Weiterzahlung des Gehalts! Die entscheidende Stütze wurde aber der Architekt Werner Lazarowicz aus Tsingtau. Rothkegel war seit seiner Tsingtauer Zeit mit ihm befreundet. Dieser ist der Einzige, der ununter- brochen von Juni 1898 bis Nov. 1914 Mitglied der Hochbauabteilung des dortigen Gouverne-ments gewesen ist. Von ihm stammt der Entwurf zur Residenz des deutschen Gouverneurs in Tsingtau, die 1907 bezogen wurde und heute Museum ist. <em>(Warner S. 206-09) </em>Lazarowicz hatte als Ganzinvalide sich während der Belagerung nicht an militärischen Aktionen beteiligt. So konnte er nach der Besetzung durch die Japaner im November 1914 als Zivilist aus Tsingtau ausreisen. Rothkegel bat ihn, nach Peking zu gehen und Mitarbeiter in seiner Baufirma zu werden. Frau Rothkegel schreibt dazu in ihren Erinnerungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten. … Ich hatte es gut, alle Chinesen waren hülfreich, doch einen gab es, der gar zu gern mir Steine in den Weg hätte werfen wollen.“  Immerhin wurden das Museumsgebäude in der Kaierstadt und die Diensträume des Staats-rates terminmäßig fertig gestellt, nur der Dschang-schi-tang, der Krönungspalast blieb im Rohbau liegen, da wegen des Krieges alle aus Deutschland bestellten Materialien für Zentralheizung, Lichtanlagen usw. nicht mehr durchkamen. Während der Errichtung der Staatsratsgebäude hatten Frau Rothkegel, Lazarowicz, der Bauaufseher und die chinesischen Arbeiter der Firma einen speziellen Ausweis, der am Eingang zum stark bewachten neuen Regierungsviertel am Nanhai kontrolliert wurde.</p>
<p>Als der Straßenverkehr innerhalb Pekings immer mehr zunahm, beschloss das Verkehrs-ministerium 1914/15, eine Straßenbahnverbindung von der Mandschustadt zur Chinesenstadt einzurichten. Mit der Planung des Verkehrskonzeptes wurde Rothkegel noch kurz vor Kriegs-ausbruch beauftragt. Noch ehe er nach Tsingtau sich begab konnte er die Projektbearbeitung fertig stellen. Mit der Ausführung dieses Planes wurde unter Leitung von Frau Rothkegel erst 1915 begonnen,  und sie scheint sich bis 1916 hingezogen zu haben.  Das Qianmen, das Südtor der Mandschustadt, bestand aus 2 mächtigen Torgebäuden, dem inneren und dem äußeren. Beide waren durch eine halbkreisförmige Mauer verbunden. Diese wurde beseitigt. Durch die Stadtmauer wurden 4 breite Durchfahrten gebrochen, 2 davon für die Straßenbahn. Das äußere sehr schlichte Tor sollte ein Ausstellungsgebäude werden. Rothkegel ließ deshalb an der Nordseite 2 Treppenaufgänge errichten. Sie führten zur ehemaligen Mauerkrone, die zu einer Aussichtsplattform umgestaltet wurde. Diese wurde als 1,60 m breiter Balkon um das ganze Gebäude herum geführt. Zwei der 3 Fensterreihen erhielten halbkreisförmige, weiße Gesimsbänder, wohl um der schlichten, grauen Fassade einen mehr palastartigen Charakter zu verleihen. <em>(Warner S. 28-33) </em> Rothkegels Gestaltung des äußeren Qianmen ist auch heute noch unverändert zu sehen. Dass er einem alten chinesischen Gebäude noch „europäische“ Stilelemente hinzufügte, ist von einigen als „Verunstaltung“ kritisiert worden und scheint auch irgendwie im Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen. In seinen autobio-graphischen Notizen berichtet er, dass Bauherren immer wieder die Ausführung von Wünschen erzwangen, die seinem eigenen Gefühl widersprachen. So schreibt er: „Wo die Vorschrift so weit ging, dass es ein Unrecht gewesen wäre, solche Wünsche zu erfüllen, trat ich zurück und konnte damit einmal eine Verschandelung Pekings verhindern. An Stelle des in der Revolution 1911 abgebrannten großen Torgebäudes Dung-hua-men sollte ich ein dem Brandenburger Tor ähnliches Torgebäude errichten, was ich ablehnte. Es ist dann nach Jahren im chinesischen Stil wieder erbaut worden.“</p>
<p>Rothkegel war im Nov. 1914 in Japan in das Lager Kumamoto gebracht worden, wo die Behandlung nicht gut war. Im Juni 1915 gab es eine Verlegung in das Lager Kurume, wo die Haftbedingungen viel lockerer gestaltet waren. So konnte er sich ein eigenes kleines Holzhaus bauen lassen. Nach 3 Jahren, im August 1918, kam dann noch eine Umsiedlung in das Lager Bando. Um seine Chinesischkenntnisse nicht verkümmern zu lassen, nahm er drei Jahre lang im Lager an einem Chinesischkurs teil.  Er schreibt zu dieser Periode: „Die über fünfjährige Kriegsgefangenschaft in Japan konnte von den Wenigsten dauernd in geistig arbeitender Weise – welche vorherrschte – verbracht werden. Es wechselte mit allem Möglichen ab: Arbeit auf kleinen eigenen Beeten, Sport, Alkohol, Kartenspiel aller Art etc.“</p>
<p>Gegen Ende des Weltkrieges wurden die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse für die Deutschen in Peking immer schwieriger, besonders nachdem China am 14.3.1917 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und dann am 14.8. den Krieg erklärt hatte. Die deutschen Vermögen wurden beschlagnahmt und ein Teil der deutschen Männer interniert. Die Briten starteten dann nach dem Waffenstillstand eine Kampagne, alle Deutschen aus China nach Deutschland zu repatriieren, im Frühjahr 1919 wurde dieser Plan auch im wesent-lichen durchgeführt. Frau Rothkegel und Lazarowicz waren jedoch von dieser Ausweisung nicht betroffen. Im Dezember 1919 wurde Rothkegel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte wohl im Januar 1920 zu seiner Frau und den 2 Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz beendete seine Mitarbeit und gründete seine eigene Firma  zusammen mit dem Architekten Paul Hachmeister, der ebenfalls in japanischer Gefangenschaft gewesen war. Hachmeister war ein langjähriger Kollege von Lazarowicz in der Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Auch Walther Frey, Mitarbeiter bis Aug. 1914 in der Firma Rothkegel &amp; Co., kam aus der Gefangenschaft nach Peking und wurde nun tätig als Architekt in der Pekinger Firma Hunke &amp; Müller.</p>
<p>Rothkegel knüpfte sofort wieder Beziehungen zu Regierungskreisen an. So organisierte er die Gesamtinneneinrichtung der Wohnhäuser des Verkehrsministers Yen und des Finanz-ministers Tsao. Er baute ein Wohngebäude für den Präsidenten der Verkehrsbank in Tientsin, Jen Fun Bao, außerdem mehrere Gebäude für die Waisenanstalt in Hsio Chan bei Peking.</p>
<p>Nach Seoul und Peking erhielt er aus einer dritten Hauptstadt Ostasiens einen Großauftrag: für Urga (Ulan Bator) in der Mongolei entwarf er Pläne zu einem großen Regierungsgebäude, Kasernen und Schulen und für eine Eisenbahnlinie und Straße von Kalgan (Zhangjiakou) nach Urga. Alles dafür war vertrags-unterschrift-fertig, da vereitelte ein Krieg zwischen dem mandschurischen Warlord Zhang Zuolin und der chinesischen Zentralregierung die Aus-führung.</p>
<p>!922 traf die Familie ein schwerer Schicksalschlag: der 12 jährige Sohn Franz-Waldemar starb am 19.05.1922 an Genickstarre. Ein Jahr später begab sich die Familie zu einem Urlaubaufenthalt nach Deutschland. Die Fahrt per Bahn bis Schlesien nahm 25 Tage in Anspruch. Man kam in ein Land mit galoppierender Inflation und letztendlich einer totalen Entwertung der Mark. Da man aber hinreichend Devisen besaß, verursachte dies den Rothkegels keine Beeinträchtigungen. Die Reise hatte auch den Zweck, den 10jährigen Helmut in Deutschland zu lassen und ihm den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen.</p>
<p>Dieser wohnte bei seiner Großmutter in Neiße, wo er das Realgymnasium besuchte.</p>
<p>1924 kehrte das Ehepaar Rothkegel nach China zurück, man verlegte aber den Wohnsitz nach Mukden (Shenyang), wo der berüchtigte Warlord Zhang Zuolin seinen Herrschaftssitz hatte. Dieser hatte ehrgeizige Pläne und beauftragte Rothkegel, für das Arsenal 3 Fabriken zu bauen: die „Schwere Kanonenfabrik“, eine Eisenbetonhalle von 100 x 46 x 12 m Größe, zwei ähnlich große Gebäude für die „Zünderfabrik“ und eine große Halle für die „Patronenfabrik“. Ferner baute er im Arsenal ein Klubgebäude für die Beamten und eine Gedenkhalle. Außerdem fertigte er eine große Anzahl von Projekten an, z.B. ein Stahlwerk von monumentaler Größe, weitere 16 Hallen des Arsenals mit Verschiebebahnhof, Kran-Anlage, ein Stadt-Bebauungsplan u.a.</p>
<p>1926 gewann er wieder einen 1. Preis bei einer Ausschreibung. Diesmal war es der Deutsche Klub in Mukden, den seine Firma dann auch baute. Außerdem baute er die Residenz des französischen Bischofs in Mukden und ein großes Schulgebäude für die französische Mission.</p>
<p>Im Dezember 1926 verließen die Rothkegels China, scheinbar für immer. Zum ersten Mal seit seiner Ausfahrt nach China im Jahre 1903 benutzte Curt wieder die Schiffsroute. In den Jahren dazwischen hatte er die Verbindung mit Deutschland immer nur über Sibirien absolviert. Mukden wurde am 10.12.1926 verlassen, über Dairen ging es zunächst nach Tsingtau, wo er die Stadt besichtigte, sicherlich auch die von ihm entworfenen Gebäude. Außerdem wurde das Kampfgelände von 1914 und der Friedhof mit den 200 Gräbern der gefallenen Tsingtaukämpfer besucht. Das Schiff legte die übliche Route zurück: Shanghai, Hongkong, Manila, Borneo, Singapore, Colombo, Aden. In Suez stieg man aus und fuhr mit dem Auto nach Kairo, besichtigte die Pyramiden und das Museum mit einer ganz neuen, erst 1922 entdeckten Sensation: dem Tut-ench-amun Sarkophag. In Port Said bestieg man wieder das Schiff, das in Neapel endgültig verlassen wurde. Von dort ging es mit der Bahn zunächst nach Rom, Aufenthalt von mehreren Tagen dort, dann weiter über Florenz, Schweiz, Basel, nach Berlin, das Anfang Januar 1927 erreicht wurde.</p>
<p>Die Rothkegels beschlossen, sich in Potsdam niederzulassen. Man kaufte eine hoch über dem Jungfernsee gelegene Villa, die mit großen Kosten ausgebaut und mit chinesischen Möbeln ausgestattet wurde, welche in Peking z.T. bei Versteigerungen aus dem chinesischen Kaiserpalast erworben worden waren.</p>
<p>Im Jahre 1928 holte der ehemalige China-Aufenthalt Curt Rothkegel wieder ein. Anscheinend plante das Auswärtige Amt, in Mukden das Konsulat nicht mehr in gemieteten Räumen unterzubringen, sondern eigene Gebäude zu errichten. Sicherlich wurde auch Rothkegel zu diesem Thema konsultiert, und es kam zu einem ungewöhnlichen „Geschäft“.  Rothkegel legte sein in Mukden hinzu erworbenes Vermögen zum größten Teil in der Weise fest, dass er für das deutsche Konsulat dort auf seine Kosten ein großes Grundstück erwarb und auch die notwendigen Gebäude entwarf und baute. Nachdem in Berlin im A.A. der Vertrag unterschrieben worden war, fuhr Rothkegel, anscheinend alleine, im Zug nach Mukden. Er baute ein Dienstgebäude mit Wohnung für den verheirateten Sekretär, ein Wohnhaus für den Generalkonsul, ein Wohnhaus für einen verheirateten Vize-Konsul mit Dienerhäusern, Pferdestall, Garage, mit großem Garten und Tennisplatz, alles an 3 Straßen gelegen und von einer hohen Mauer umgeben. Nachdem alles fertiggestellt war, verließ Rothkegel China endgültig im Jahre 1929.</p>
<p>In dem Vertrag mit dem A.A. bezüglich des Mukdener Konsulates war festgelegt worden, dass die von Rothkegel ausgelegten  Erwerb- und Baukosten in 10 Jahresraten zusammen mit den Zinsen zurückgezahlt werden sollten, und zwar in der Währung, die von ihm zu bestimmen war. Nach einiger Zeit wollte das A.A., gestützt auf gewisse neuere Bestimmungen, von dieser Abmachung loskommen. Man wollte keine Devisen mehr zahlen, sondern nur deutsches Geld. Die Lage war verzwickt und Curts Bruder Walter Rothkegel, der in Berlin wohnte, übernahm die Verhandlungen mit dem A.A.  Unterstützt wurde er von dem Oberregierungsrat Dr. Schlag von der Rechtsabteilung des Reichsfinanzministeriums, der die notwendigen Tips für die Verhandlungen gab. Schließlich drohte Walter, dass Curt in der Schweiz einen Prozess gegen das Reich führen werde. Das A.A. gab endlich nach und Curt erhielt weiter Devisen ausgezahlt, damit konnte sein Vermögen erhalten bleiben.</p>
<p>Interessant sind Rothkegels Ausführungen zu den damaligen regionalen Unterschieden im Verhalten der chinesischen Partner und Arbeitsbevölkerung, entlang der süd-nördlichen Schiene von Tsingtau über Tientsin und Peking nach Mukden. Er schreibt: „ In Tsingtau herrschte Ordnung und Disziplin auf einer klaren Rechtsgrundlage. Infolgedessen konnte man auf gesicherter Basis vertragsgemäß handeln. Je weiter man nach Norden kam, um so mehr wurde alles labil, die Rechtsverhältnisse unsicher, und ein ‚Paktieren’ trat an ihre Stelle. Ferner nahm nach Norden die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich in Mukden in offener und versteckter Sabotage äußerte, teilweise von erschreckendem Ausmaß, die einen fast zum ‚Kulitreiber’ degradierte. Gleichzeitig nahm die Gesittung und handwerkliche Erziehung und Können ab, so dass z.B. in Mukden nicht das erzielt werden konnte, wie etwa in Tsingtau, Tientsin und Peking, trotz erhöhter persönlicher Eingabe“.</p>
<p>Die Villa in Potsdam, mit ihren wertvollen chinesischen Möbeln, war zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit geworden. Ohne dass die Rothkegels es wollten, entwickelte sich ein außerordentlich großer gesellschaftlicher Verkehr, der allerdings den Haushalt derart verteuerte, dass man 1932 beschloss, nach Südtirol umzuziehen. Allerdings kam noch ein anderes wichtiges Motiv hinzu. Eine (neue?) Bestimmung in der Devisenordnung besagte, dass Curt seine im Ausland erworbenen Devisen hätte abgeben und gegen Reichsmark umtauschen müssen, wenn er länger als 3 Jahre in Deutschland seinen Wohnsitz genommen hätte. Das Potsdamer Haus, einschließlich der Möbel, wurde vermietet und als Dauerwohnsitz wurde das auf dem „Ritten“ bei Bozen gelegene Klobenstein gewählt, wo ein prächtig gelegenes Haus gemietet wurde. Als jedoch Südtirol in einem Vertrag zwischen Hitler und Mussolini endgültig Italien zugesprochen wurde und eine Unterdrückung der Deutschen dort einsetzte, zogen die Rothkegels noch einmal um, jetzt in das Fürstentum Liechtenstein, weil dort die geringsten Steuern zu zahlen waren. Man wohnte zunächst im Hauptort Vaduz und dann in Mühleholz im Hause der Witwe des Fabrikanten Spörry. Im Jahre 1945 erkrankte Curt Rothkegel an Krebs und starb am 5. Dezember 1945. Er wurde auf dem Friedhof in Schaan beerdigt.</p>
<p>Frau Gertrud Rothkegel ist dann 1950 zu ihrem Sohn Helmut in Namibia gezogen und verstarb 97jährig am 10. 10. 1978 in Windhoek.</p>
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		<title>Christuskirche in Tsingtau (Qingdao).</title>
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		<pubDate>Fri, 14 May 2010 15:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher | Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Verfasst von Prof. Dr. Wilhelm Matzat
Gleich nach der Gründung der Stadt Tsingtau hatte das deutsche Gouvernement 1899 eine Evangelische Kapelle (Architekt: Stadtbaumeister Max Knopff) an der Hunan Straße östlich der Jiangsu Straße bauen lassen, die sowohl als Garnisons- als auch als Zivilkirche diente. An sich sollte es eine interkonfessionelle Kirche sein, doch die hier vertretenen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Verfasst von Prof. Dr. Wilhelm Matzat</p>
<p>Gleich nach der Gründung der Stadt Tsingtau hatte das deutsche Gouvernement 1899 eine Evangelische Kapelle (Architekt: Stadtbaumeister Max Knopff) an der Hunan Straße östlich der Jiangsu Straße bauen lassen, die sowohl als Garnisons- als auch als Zivilkirche diente. An sich sollte es eine interkonfessionelle Kirche sein, doch die hier vertretenen deutschen katholischen Patres (vom Steyler Missionsorden SVD)  lehnten die Benutzung ab und errichteten zunächst eine provisorische Kapelle aus Holz hinter dem Tsingtauer Dorftempel, bis dann später das Steyler Missionsgebäude errichtet war, unter dessen Dach auch die Kapelle sich befand, die bis 1934 für den kathol. Gottesdienst diente, also bis zur Einweihung der Kathedrale. Die Evangelische Kapelle wurde am Heiligabend des Jahres 1899 eingeweiht, Missionar Richard Wilhelm (AEPM) hielt die Weiherede, Missionar C. Johannes Voskamp (Berliner Mission) die Weihnachtspredigt. Nach der Einweihung der Christuskirche (Okt. 1910) diente die frühere Kapelle als Turnhalle, zunächst für die deutsche Schule und in den Jahrzehnten danach auch für die japanischen und dann chinesischen Schulen der Nachbarschaft. Das Gebäude wurde erst um 1991 herum abgerissen.</p>
<p>Bereits 1904 wurde eine erste Skizze für eine größere evangelische Kirche von Regierungsbaumeister Stössel gefertigt. Als Baustelle war der Platz gewählt, auf dem dann später die Christuskirche errichtet wurde. Die von Stössel veranschlagten Kosten betrugen 236000 Mark. Diese Zahl ist insofern bemerkenswert, als sie später für die neue fertig zu stellende Kirche die zur Verfügung stehende Bausumme darstellte. Die neu zu bauende Kirche war aber keine Garnisonskirche mehr sondern wurde vom Evangelischen Kirchenausschuss in Berlin errichtet, der auch die gesamten Baukosten trug. Das Geld kam durch Spenden und Sponsoren zusammen.</p>
<p>Am 10. Febr. 1907 erschien in der Tageszeitung „Tsingtauer Neueste Nachrichten“ (abgekürzt TNN) im Anzeigenteil ein „Ausschreiben zu einem Wettbewerb für eine evangelische Kirche in Tsingtau &#8211; Kiautschou. Die sich beteiligenden Architekten müssen in Ostasien ihren Wohnsitz haben. Die Kirche soll 500 Sitzplätze haben, alles Nähere ist aus dem gegen 4 mex. $ bei der Rechnungsstelle des Hochbaudirektors in Tsingtau erhältlichen Programm ersichtlich. An Plänen werden verlangt:</p>
<p>Ein Lageplan 1:500, 2 Grundrisse 1:200, Längen- und Querschnitt 1:100, eine Hauptansicht 1:100, 3 weitere Ansichten 1:200, ein Schaubild. Für Preise steht zur Verteilung bereit die Summe von 3000.- mex. $, und zwar: ein erster Preis mit 1500.- $, ein 2. Preis 1000.- $, ein 3.Preis 500.- $. Außerdem behält sich das Preisgericht vor, Entwürfe zum Einheitspreis von 250.- $ anzukaufen. Die Entwürfe sind mit Kennwort versehen, bis spätestens 1. Juni 1907 beim Postamt Tsingtau mit der Adresse des Unterzeichneten postfrei einzuliefern. Den Anlagen ist beizufügen: Ein verschlossener Briefumschlag mit der Aufschrift des Kennworts und enthaltend den Namen des Verfassers. Die Bauleitung einem der Preisträger zu übertragen ist nicht beabsichtigt. Das Preisgericht haben übernommen:</p>
<p>1) Herr Bauunternehmer Karl Pötter</p>
<p>2) Herr Marine-Baurat Julius Rollmann</p>
<p>3) Herr Kaufmann Adolf  C. Schomburg</p>
<p>4) Herr Baudirektor Karl Strasser</p>
<p>5) Herr Gouvernementspfarrer Ludwig Winter</p>
<p>sämtlich in Tsingtau. Im Falle der Behinderung einzelner Herren, wählen die übrigbleibenden nach ihrem Gutdünken Ersatzleute. Die Preisrichter haben sich mit den Bestimmungen des Programms für den Wettbewerb einverstanden erklärt.</p>
<p>Tsingtau, im Januar 1907.  Das Preisgericht zur Gewinnung von Entwürfen für eine evangelische Kirche in Tsingtau.       i.A. Strasser, Baudirektor.“</p>
<p>Ein Exemplar des vorgeschriebenen Programms ist nicht mehr erhalten. Das „Zentralblatt für das Deutsche Baugewerbe“ vom 26. März 1909 berichtet über den Bau der Kirche und erwähnt einige der aufgestellten Forderungen: „Die Baukosten waren auf 190000 Mark und zusätzlich 30000 Mark für Orgel, Uhr, Zentralheizung und elektrische Beleuchtung festgesetzt. Verlangt waren 500 feste Sitzplätze, von denen ein Teil auf Emporen angeordnet werden konnte, in Gängen usw., Raum, um an besonderen Tagen noch mindestens 110 Stühle aufstellen zu können, eine Orgelempore mit Raum für Kirchensänger, eine Sakristei von ca. 35 qm mit Vorraum und Bedürfnisanstalten, ein Konfirmandensaal, zugleich Gemeinderaum für etwa 50 Personen, ein kleiner Geräteraum und ein Raum für die Zentralheizung und Kohlen. Stil und Bauart war dem Architekten freigegeben, Barock und Empire wurde nicht gewünscht, reiche Gotik verbot die begrenzte Bausumme. Es wurde ‘mehr Gewicht auf malerische Gesamtwirkung bei einfacher Architektur als auf reiche Detailausbildung gelegt.’ Anlage eines Turmes mit Uhr und Geläute für drei vorhandene Glocken war erwünscht.“</p>
<p>Am 18. Juli 1907 veröffentlichten die „Tsingtauer Neueste Nachrichten“ das Ergebnis des Wettbewerbs: „Von elf eingegangenen Entwürfen wurde</p>
<p>der I. Preis mit 1500.- $ zuerkannt dem Entwurf mit dem Kennwort „So“, Verfasser Herr Curt Rothkegel, Tsingtau,</p>
<p>der II. Preis mit 1000.- $ dem Entwurf  mit dem Kennwort „Alpha“, Verfasser Herr Regierungsbaumeister Wentrup, Tsingtau,</p>
<p>der III. Preis mit dem Kennwort „Eine feste Burg“, Verfasser Herr Architekt Paul Hachmeister und Herr Architekt Paul Friedrich Richter, Tsingtau.</p>
<p>In die engere Wahl kamen die Entwürfe mit den Kennworten „Maya“, „124“ und „Evangelium“. Zu einem Ankauf von Entwürfen lag eine Veranlassung nicht vor. Die Entwürfe kommen in den nächsten Tagen zur öffentlichen Ausstellung im Sitzungssaale des Gouvernements.               Tsingtau, den 17. Juli 1907.</p>
<p>Das Preisgericht, i.A. Strasser, Kaiserlicher Baudirektor.</p>
<p>Alle vier Preisträger wohnten in Tsingtau. Rothkegel und Richter waren selbständige Architekten, Wentrup und Hachmeister waren bei der amtlichen Bauabteilung beschäftigt. Das Gutachten der Preisrichter zum Rothkegel’schen Entwurf führt u.a. aus: „Der Haupteingang zur Kirche ist von Süd resp. Südwesten, ein Nebenaufgang im Westen durch den Turm; der Treppenaufgang ist so gedacht, daß die beiden oberen Ausgänge in natürlicher Weise auf die Eingänge hinweisen. Im Osten ist ein kleiner Aufgang für den Gouverneur zu einer Gouverneurloge angelegt, welche Anlage nicht verlangt war. Der Verfasser bringt sämtliche Kirchenbesucher zu ebener Erde unter, höher gelegen ist nur die Sänger- resp. Orgelempore. Die Unterbringung sämtlicher Plätze im Erdgeschoß verlangt eine Breitenentwicklung. Die Höhenausdehnung tritt dementsprechend nicht hervor. Hierdurch hat der Verfasser das erreicht, was die hochgelegene Baustelle verlangt. Der Turm ist ca. 27 m hoch und beeinträchtigt deshalb nicht die umgebenden Höhen. Alle Nebenanlagen gruppieren sich in natürlicher Weise ins Ganze hinein. Die Anlage ist recht hübsch und die Aufgabe gut gelöst. Wie die vier gelieferten Perspektiven zeigen, würde mit dem Gebäude bei einfachster Ausbildung eine recht malerische Wirkung erzielt werden.“  Das Zentralblatt (<em>siehe oben) </em>ergänzt das Gutachten durch die Feststellung: „Die Kirche erinnert in ihrer kraftvollen, geschlossenen Erscheinung an nordische Vorbilder, etwa in der Art Saarinens; die Gruppierung, namentlich des Turmes, wurde durch die landschaftliche Umgebung und das Städtebild bestimmt.“  Das oben zitierte Zentralblatt bringt auch den Grundriß und 5 Ansichten des Modells aus verschiedenen Richtungen. Eine der Abbildungen ist wieder abgedruckt in dem Buch von Torsten Warner:  „Deutsche Architektur in China“, Berlin 1994, S. 247. Rothkegel selbst schlug in seinem Entwurf folgende Baumaterialien vor: „Sämtliche Mauersteine aus dem an Ort und Stelle leicht erhältlichen Granit, die Ansichtsflächen unbearbeitet, so wie sie aus dem Bruch kommen. Ebenso die Gesimse, einfach als rauhe Wülste. Der Putz ganz rauh und nicht getönt. Das Dach mit Mönch und Nonne gedeckt, das Fachwerk mit Ochsenblut gestrichen.“  Zur Verwendung von Fachwerk ist es dann bei der Bauausführung gar nicht gekommen, der Rothkegel’sche Entwurf hatte es für den Kniestock des Konfirmandensaales vorgesehen.</p>
<p>Die elf Entwürfe wurden vom 22. bis 24. Juli ausgestellt, jedoch nicht im Gouvernementsgebäude, sondern in der Aula der einige Tage vorher eingeweihten neuen Schule. Ein längerer Bericht in den „Tsingtauer Neueste Nachrichten“ vom 24.7.1907, der die elf Entwürfe beschreibt, soll hier nicht wiedergegeben werden. Nur die Beschreibung des Turmes beim 1. und 3. Preis soll hier zitiert werden, da der Rothkegel’sche Turmentwurf später so nicht ausgeführt wurde. Er  wird in der Zeitung so beschrieben: „Die schwierige Lösung der Frage, einen schönen Übergang von dem wuchtigen Turme zu einem das Ganze bekrönenden  und doch nicht bedrückenden Turmhelm zu finden, hat der Meister in genialer Weise durch ein Spiel von vier gedrungenen Pfeilern, welche eine mit Fenstern durchbrochene Schildmauer tragen, gelöst.“ Zum Entwurf mit dem 3. Preis heißt es dort: „Ein in flotter Stilführung pompös in die Höhe strebendes, in kräftigen romanischen Linien gehaltenes Bauwerk, &#8230; das Ganze von einem in seinen Verhältnissen meisterhaft durchgearbeiteten Turme überragt.“ Es könnte durchaus sein, daß der Kirchturm, wie er dann 1908-10 gebaut wurde, aus dem Entwurf von Hachmeister/Richter stammt. Statt der bei Rothkegel vorgesehenen 27 m wurde der Turm dann 36 m hoch (so Warner, a.a.O., S. 244; laut TNN vom 22.10.1910 rund 40 m hoch). Durch den Hahn auf der Spitze war der Turm früher höher, jener ist leider bei einem Sturm im Winter 1942 heruntergefallen und wurde erst wieder im Jahr 2010 draufgesetzt. Obwohl das Kircheninnere ein halbkreisförmiges Tonnengewölbe hat, gestaltete Rothkegel die südliche Hauptfront als großes, giebelartiges Dreieck, das damit keinesfalls der inneren Struktur entspricht und irgendwie auch primitiv wirkt, als ob es sich um eine Scheune handelt.  Deswegen wohl wurde dann bei der Bauausführung diese Dreiecksform verworfen und die Giebellinie ebenfalls abgerundet, entsprechend dem inneren Gewölbe.</p>
<p><strong> Die Grundsteinlegung</strong></p>
<p>Die Grundsteinlegung fand am Ostersonntag, dem 19. April 1908, im Rahmen eines Feldgottesdienstes statt. Die TNN vom 22.4. berichtet: Die Feier „eröffnete um 11 Uhr nach dem Glockengeläute der Sängerchor des III. Seebataillons ein, indem er in Begleitung der Bataillons-Kapelle das Alt-Niederländische Dankgebet vortrug: ’Wir treten zum Beten’. Ein Gebet des Pfarrers folgte, das der Gemeindegesang:’Ich weiß, an wen ich glaube’ mit einer Schriftverlesung, die auf die Bedeutung des Tages hinwies, verband. Nach nochmaligem Gemeindegesang, den jedesmal die Kapelle kräftig und voll begleitete, folgte die Predigt durch Pfarrer Winter über 1. Korinther 3,11:’Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist Jesus Christus.’ (<em>Die Zeitung bringt den vollständigen Wortlaut der Predigt</em>.) Die eigentliche Grundsteinlegung leitete die Verlesung folgender Urkunde durch den Pfarrer ein:’Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Am Gedenktage der Auferstehung Jesu Christi legt die zum Gottesdienst versammelte evangelische Gemeinde Tsingtau den Grundstein zur Christuskirche. Derselben wird der durch das Preisausschreiben gewonnene Entwurf des Architekten Rothkegel in der Hauptsache zu Grunde gelegt, während die Ausführung des Baues in den Händen des Gouvernements verbleibt. Die Mittel für die Kirche, welche auf die Summe von 236000 Mark festgesetzt sind, hat in hochherziger Weise der Evangelische Kirchenausschuß zu Berlin zur Verfügung gestellt, doch hat auch die Gemeinde Tsingtau außer der Stiftung des Glockengeläuts zum inneren Schmuck beigetragen. Der Baugrund nebst Zuwegung ist ein Geschenk des Kaiserlichen Gouvernements. Das neue Gotteshaus soll gleichermaßen der Marine- wie der Zivil-Gemeinde zur Erbauung dienen und als Pflegestätte christlicher Gottesfurcht, deutscher Treue und wahrer Nächstenliebe im fernen Land ein Band mit der irdischen und himmlischen Heimat sein. Das walte Gott! Amen.’</p>
<p>Nachdem die Urkunde unter den Klängen des durch die Kapelle gespielten, ergreifenden Ambrosianischen Lobgesanges:’Großer Gott, wir loben Dich’, in den Grundstein eingemauert war, erfolgten die Hammerschläge. Sie eröffnete in der Stellvertretung Ihrer Majestät der Kaiserin die Gemahlin des kaiserlichen Gouverneur I.E. Frau Truppel mit dem Spruch aus Psalm 150: ’Lobet den Herrn in seinem Heiligtum; lobet ihn in der Feste seiner Macht.’ Für das Schutzgebiet erteilte sie S.E. Gouverneur Truppel mit den Worten:</p>
<p>Christuskirche am Tsingtau-Strand</p>
<p>Sei mit der deutschen Heimat ein Band,</p>
<p>Verbind uns der himmlischen Heimat droben,</p>
<p>Hilf uns Gott suchen und finden und loben.</p>
<p>Als Vertreter der evangelischen Kirche sprach Gouvernementspfarrer Winter den Spruch 1.Petrus 2,17: ‘Fürchte Gott! Ehret den König! Habt die Brüder lieb!’ Für die Marine-Gemeinde, der älteren von beiden, trat als rangältester Offizier Fregattenkapitän Behring mit dem Gelübde ein: ‘Mit Gott in Treue und Gehorsam für Kaiser und Reich.’ Die Zivilgemeinde vertrat zunächst der Zivilkommissar Geh. Regierungsrat Günther mit dem Wunsche:</p>
<p>Mit Gott fangt es an, mit Gott baut es aus,</p>
<p>Gott gebe, daß es im Weltgebraus</p>
<p>Uns werde ein rechtes Gotteshaus -</p>
<p>sodann der Bürgerschaftsvertreter Kaufmann Walther mit den Worten: ‘Gott zur Ehre, der Menschheit zur Lehre, der Gemeinde zum Segen.’ Den Schluß machte der Bauleiter Hochbaudirektor Strasser und schloß: ‘Gott zur Ehre, uns Evangelischen zur Erbauung, der Stadt zum Wahrzeichen.’</p>
<p>Ein kurzes Schlußgebet, Gemeindegesang, das Vaterunser und der Segen beendigten die Feier, die, alles Gepränge vermeidend, sich völlig im Rahmen eines Gottesdienstes hielt. Feierlich erklang schon während des Vaterunsers und Segens das Geläut der Glocken von der alten Gouvernementskapelle, die einst auch in der Christuskirche zum Gottesdienst rufen sollen. Mögen sie es nach glücklich vollendetem Bau in nicht allzu weiter Ferne tun!“</p>
<p><strong>Der Bau der Kirche</strong></p>
<p align="center"><strong> </strong></p>
<p>Die Baukosten (236000 Mark) trug diesmal nicht der Staat, sondern der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß in Berlin, der die Gelder durch Spendenaufrufe in ganz Deutschland und China zusammengebracht hatte. Die Bearbeitung des Ausführungsentwurfes und die Bauleitung wurde jedoch der Bauverwaltung des Gouvernements übertragen und lag in den Händen des Hochbaudirektors Strasser, dem als Hilfskräfte nebenamtlich anfangs Regierungsbaumeister Blaich und Architekt Hachmeister, später, speziell für die örtliche Bauleitung, Architekt Biber zur Seite standen. Zweieinhalb Jahre benötigte man für den Bau und die Einrichtung der Kirche. Die TNN vom 22.10.1910 beschreibt das Innere: „Die Kirche ist in einfachen modern-romanischen Formen gehalten. Das Gebäude enthält in der Hauptsache ein Schiff von 23,20 m Länge und 13,50 m Breite, an das sich der Altarraum mit einer Tiefe von 5 m anschließt. Das Schiff der Kirche, welches Raum gibt für 420 Sitz- und 100 Stehplätze ist mit einem halbkreisförmigen Tonnengewölbe geschlossen und hat eine lichte Höhe (bis zum Scheitel gemessen) von 11 m. Der Altarraum ist um 3 Stufen gegen das Schiff erhöht. An der westlichen Ecke zwischen Altarraum und Schiff ist die Kanzel erbaut, etwa korrespondierend ist ein Taufstein vorhanden. An der Südseite des Schiffes ist eine Empore angeordnet, auf der die Orgel Aufstellung gefunden hat. Sie dient außerdem als Sängerempore und bietet Platz für 100 Personen.“</p>
<p>Wenn heutzutage deutsche Journalisten und Touristen Tsingtau besuchen, dann bilden sie in ihren Berichten fast immer die Christuskirche ab. Der Hauptgrund: es ist das einzige Gebäude aus deutscher Zeit, das an der Außenwand noch eine deutsche Inschrift zeigt, die man fotografieren kann. Die Kirche war 1949 von den Kommunisten für Gottesdienste geschlossen und zum Tanzsaal umfunktioniert worden. Während der Kulturrevolution, wo Tanzen verpönt war, diente sie als Lagerhalle. Mit der neuen Verfassung von 1979, die wieder Religionsfreiheit zusicherte, wurde dann 1980 die Kirche renoviert, unter Denkmalschutz gestellt und der chinesischen protestantischen Gemeinde als Gotteshaus zugewiesen. Bei der Restaurierung wurde draußen an der Turmuhr die alte Inschrift erneuert: „J.F. Weule, Bockenem am Harz“. Auch innen am Westeingang ist noch der Grundstein vorhanden mit den eingemeißelten Daten: „gegruendet am 19. April 1908, eingeweiht am 23. Oktober 1910“.</p>
<p>Da viele Elemente aus der Er- und Einrichtungszeit heute noch zu sehen sind, hauptsächlich von damaligen Tsingtauer Betrieben hergestellt, möchte ich aus Gründen der Erinnerung die beteiligten Namen nennen. Die Baumaterialien (Granit aus dem Fushan und  Lauschan, der rote Granit stammt aus einem Steinbruch in der Nähe von Shazikou, Basalt vom Kap Jaeschke) wurden von der Firma Bernick &amp; Pötter herbeigeschafft. Die Bauausführung der Erd-, Maurer-, Steinhauer- und Zimmerarbeiten lag in den bewährten Händen der Firma F.H. Schmidt (Kaufmännischer Direktor: Conrad Miss). Die speziellen Dachziegel kamen aus einer Ziegelei der Firma Kappler &amp; Sohn auf der anderen Seite der Kiautschou-Bucht, die Bildhauerarbeiten (Altar, Kanzel, Taufstein, Säulen aus Granit, in der Eingangshalle aus Terrazzo) von der Firma A.Stolz &amp; Fr.Kind. Den Taufstein stiftete der Bauunternehmer Karl Pötter (Firma Bernick &amp; Pötter). Die reich verzierten Tore und die beiden großen Deckenleuchter (alles noch vorhanden) fertigte Schlossermeister Hermann Diekmann. Die elektrischen Einrichtungen besorgte die Firma Siemens-Schuckert, der Leiter ihrer Tsingtauer Filiale war Herr J. Hermann Schlichtiger. Die Ausführung der Tischlerarbeiten und die Möbellieferung wurden von den chinesischen Unternehmern Ho sing kee und Kwang sin sching bewirkt. Aus Deutschland wurden geliefert: die bereits erwähnte und immer noch funktionierende Turmuhr, sowie die noch jetzt jeden Sonntag läutenden 3 Glocken. Für die damalige Zeit waren sie ungewöhnlich, denn sie bestehen nicht aus Bronze sondern aus Gußstahl, hergestellt von der Stahlfirma Bochumer Verein, mit den Tönen e &#8211; g &#8211; b. Diese Glocken waren schon vorhanden und wurden aus der 1899 gebauten Kapelle übernommen. Die Bodenfliesen in der gesamten Kirche lieferte Villeroy &amp; Boch aus Mettlach. Die Orgel der Firma Gebr. Link aus Giengen a.d. Brenz wurde von Herrn R.Link persönlich, mit der Hilfe von 20 chinesischen Arbeitern, aufgestellt, zwischen dem 21. Juni und 26. August 1910. Er hat anschließend in einer Zeitung einen längeren Reisebericht veröffentlicht. Die Orgel wurde in den 1950er Jahren weggenommen und soll nach Peking in eine Musikhochschule gebracht worden sein. Aus Anlass des 100jährigen Jubiläums der Christuskirche am 23. 10. 2010 wird ihr eine neue Orgel gestiftet, sie stammt von der Firma Jäger und Brommer Orgelbau in Waldkirch.</p>
<p><strong>Die Glasfenster </strong></p>
<p>Endgültig verloren sind die zahlreichen farbigen Glasfenster, die von verschiedenen Firmen hergestellt worden waren. Von den 5 großen Fenstern wurde je eines gestiftet von Herrn Carl Eichwede und Frau (Geburt Christi), Kaiser Wilhelm II. (Taufe Christi), den Offizieren des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders (Jesus stillt die Wellen), Kaiserin Auguste Viktoria (Das Heilige Abendmahl), Seezolldirektor Ernst Ohlmer und Frau (Auferstehung Christi). Die kleineren Fenster in den Seitennischen waren Stiftungen von Herrn Roland Behn und Frau (Schwarzkopf &amp; Co.), diejenigen in der Eingangshalle und an der Orgel von den Beamten und Offizieren des Gouvernements. Das Farbfenster in der Sakristei zeigte ein Portrait Luthers mit der Wartburg im Hintergrund und der Textzeile: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (ein Farbfoto ist vorhanden). Zu den 2 „Kaiserfenstern“ gibt es den Bericht aus einer Hamburger Zeitung (1911): „Die vom Kaiser und der Kaiserin gestifteten Kirchenfenster für die Christuskirche in Tsingtau, die aus der Kunstanstalt für Glasmalerei von Gebr. Kuball in Hamburg hervorgegangen sind, besichtigte das Kaiserpaar am 3. August 1911 gelegentlich des Festmahls im Hamburger Rathause. Die dreiteiligen, ca. 5 m hohen und 3 m breiten Fenster passen sich dem modernen Barockstile der Kirche in geeigneter Weise an. Stilistische, im Ton gehaltene Ornamente umrahmen die farbenprächtigen, stimmungsvoll gehaltenen Darstellungen mit den lebensgroßen Figuren. Das vom Kaiser gestiftete Fenster stellt die heilige Taufe, das von der Kaiserin gestiftete das heilige Abendmahl dar. Im ersten Bilde vollzieht Johannes an dem im Jordan stehenden Christus die Taufe. Das zweite Bild bringt das heilige Abendmahl zur Darstellung. Jesus nahm das Brot, dankte und brach es. Johannes ihm zur Rechten, schaut voll gläubigen Vertrauens zu dem Herrn auf, während Petrus die Worte des Herrn mit grübelndem Verstande verarbeitet. Judas ist von seiner großen Schulderkenntnis gepackt und kann den Blick des Heilandes nicht ertragen. In den Sockelfenstern sind die Wappen der Stifter angebracht: für den Kaiser das von Hohenzollern, das preußische und das kaiserliche; für die Kaiserin das von Schleswig, von Holstein und gleichfalls das kaiserliche mit der Krone.“ (Schwarz-weiß Abbildungen der beiden Fenster sind vorhanden.) -     Ein weiteres großes Fenster  wurde von den Offizieren des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders gestiftet. Als Thema wählten sie bezeichnenderweise, wie Jesus auf dem See Genezareth den aufgekommenen Sturm stillt. Gemalt wurde dieses Fenster von dem Glasmaler Franz Becker, Berlin-Tempelburg, der zwei weitere Fenster malte (Das „Auge Gottes“ und „Jesus als Salvator Mundi“). Diese 3 Fenster wurden von der Glasmalereianstalt Ferdinand Müller in Quedlinburg angefertigt und 1913 nach Tsingtau geliefert  (Schwarz-weiß-Abbildungen sind vorhanden.) Diese 2 letzten Bilder sind kreisrund, da es aber nur noch das runde Fenster über der Orgel gab, ist unklar welches der beiden dort angebracht gewesen ist, das „Auge Gottes“ oder „Jesus als Salvator Mundi“ ? -  Das künstlerisch wertvollste Fenster war das kreisrunde (d = 3m) in der Wand hinter dem Altar. Das Original war zwar „farbig“, aber de facto waren der Hl. Christophorus und das Jesuskind nebst Landschaft in Grisaille Manier gemalt, und nur die Stifterwappen brachten stärkere Farbtupfer in das Fenster. Gemalt wurde es von Prof. Fritz Geiges in Freiburg i.B., dem damals bedeutendsten Glasmaler Deutschlands. Die hier abgebildete Zeichnung stammt von ihm selbst, ich fand sie in seinem Nachlaß im Archiv in Freiburg. Ansonsten existiert noch ein Farbdia vom zentralen Teil dieses Fensters, das Dr.med. Hans Schmidt aufgenommen hat. Gestiftet hatte es Johann Albrecht Herzog zu Mecklenburg, der, zusammen mit seiner 2. Frau, Tsingtau 1910 besucht hatte als Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft.  In der Mitte unten ist das Wappen Mecklenburgs, links das Wappen der ersten, verstorbenen Ehefrau Elisabeth Prinzessin zu Sachsen-Weimar-Eisenach, rechts das der 2. Frau, Elisabeth Prinzessin zu Stolberg-Roßla. Als Junge hat mich während des Gottesdienstes immer etwas befremdet, daß gleich über dem Haupte des am Altar stehenden Pfarrers ein schwarzer Stierkopf mit silbernen Hörnern und goldener Krone zu sehen war, der einem seine rote Zunge entgegenstreckte!  -  1999 sind wieder farbige Glasfenster in der Kirche eingesetzt worden, sie wurden in Peking hergestellt. Es handelt sich überwiegend um florale und pflanzliche Muster, z.T. sind es Weintrauben, sicherlich eine Anspielung auf das Jesuwort: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“</p>
<p><strong>Die Einweihung der Kirche</strong></p>
<p align="center"><strong> </strong></p>
<p>Die Einweihung der Kirche am 23. Oktober 1910 wird in der Wochenzeitung Kiautschou-Post (vom 29.10.1910, S.327-28) folgendermaßen beschrieben: „Die Gemeinde und die geladenen Gäste hatten um 10 Uhr vor der Kirche Aufstellung genommen, als die vom Soldatenchor mit Posaunenbegleitung zum Vortrag gebrachte Festkantate: ‘Ich will in das Haus des Herrn gehen’ die Feier einleitete. Dann überreichte der Erbauer der Kirche, Herr Baudirektor Strasser mit einer kurzen Ansprache den Kirchenschlüssel, den S.E. Herr Gouverneur Truppel  als Vertreter der hiesigen Zivil- und Militärgemeinde entgegennahm und an Herrn Oberpfarrer Winter weitergab. Dieser öffnete nunmehr die Hauptpforte und betrat die im herrlichen Schmuck prangende Kirche, gefolgt von den Erschienenen. Die beiden Missionare Superintendent Voskamp und Pfarrer Kunze trugen die Altargeräte. Beim Eintritt in das Gotteshaus spielte die Orgel (Herr Lehrer Reinhard Schuhmann) das Festpräludium von Volckmar. Darauf sang der Gemischte Chor unter Leitung des Oberrichters Dr. Crusen die Motette von Klughardt: ‘Heil dem Haus, das der Herr gebaut.’ An die Liturgie nach der Agende, die mit dem 84. Psalm schloß, erklang ein größeres Präludium; darauf sang die Gemeinde: ‘Lobe den Herrn.’ Vom Altar aus hielt dann Herr Oberpfarrer Winter die Weiherede im Anschluß an das im Namen der Kaiserin gesprochene Votum aus Psalm 150, Vers 1: ‘Lobet den Herrn in seinem Heiligtum; lobet ihn in der Feste seiner Macht.’ (<em>Die Zeitung bringt den vollen Wortlaut der Weiherede.) </em>Hierauf folgten Weihgebet und Glaubensbekenntnis, worauf der Chor unter Orchesterbegleitung den 98. Psalm sang. Die von der Kanzel gehaltene Predigt hatte folgenden Wortlaut (<em>dessen kompletter Text in der Zeitung abgedruckt ist)</em>. Nach der Predigt sang der Chor das Halleluja von Händel. Nach dem Schlußgebet und Segen beendigte der Gemeindegesang: ‘Nun danket alle Gott’ die erhebende Feier.“ <em> </em></p>
<p><strong> Das Innere der Kirche.</strong></p>
<table border="0" cellspacing="0" cellpadding="0" align="left">
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Aus der alten Evangelischen Kapelle wurden, neben den Glocken, einige Gegenstände übernommen, so der silberne, innen vergoldete Abendmahlskelch, von Prinzessin Irene von Preußen gestiftet,  nachdem sie Ihren Mann, den damaligen Admiral des Kreuzergeschwaders, Prinz Heinrich von Preußen, im März 1899 in Tsingtau besucht hatte. Ein anderer Chef des Geschwaders, Admiral von Bendemann, stiftete 1902 die silberne Taufschale, mit einem Jesuwort als Inschrift: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“  An der Vorderfront der Kanzel hing (bis 1949) ein bronzener Kranz. Er war von den Offizieren des Kreuzers „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ zum Gedenken an ihren früheren Kommandanten, Kapitän z.S. Paul Jaeschke, gestiftet worden, der als Gouverneur Tsingtaus im Januar 1901 an Typhus gestorben war. Der Kranz wurde im 1.Weltkrieg gestohlen und später in einem Antiquitätenladen in Jinan entdeckt, von wo er zurückgekauft wurde. Die vorderste rechte Kirchenbank besaß ein Kupferschild mit der Inschrift: „Gouverneur“. Diese Bank war für den Gouverneur und seine Familie reserviert, für den Rothkegel einen besonderen Eingang an der Ostseite der Kirche vorgesehen hatte und der dann auch gebaut wurde. &#8211; Noch heute sieht man im Granit der Kanzel und des Altars als Bas-Relief ein langgestrecktes Dornenmuster, es repräsentiert die Dornenkrone Jesu in seiner Passion. Dieses Dornenmuster war früher auch an die Wände gemalt und umzog als Band das ganze Kirchenschiff. Es ist jetzt nicht mehr vorhanden.- Bei der Bestellung der <strong>Orgel</strong> in Giengen a.d.Brenz unterlief der Bauleitung ein gravierender Fehler. Man hatte der Firma nicht mitgeteilt, daß in der Rückwand der Orgelempore ein großes rundes Fenster sich befindet, das nicht mit Orgelpfeifen zugestellt werden durfte. Die Firma war davon ausgegangen, daß in der Mitte die längsten Pfeifen stehen und zu den beiden Rändern hin die Pfeifen immer kürzer werden. So mußte die Reihenfolge umgedreht werden, die kürzesten in der Mitte und die längsten an den Seiten. Trotzdem war die Wandfläche unter dem Fenster zu knapp und die Pfeifen dort mußten viel tiefer als geplant angebracht werden. Das führte später bei Reparaturen zu enormen Behinderungen, da die Techniker nur auf dem Bauch oder Rücken kriechend sich dort bewegen konnten. Auch hatte die deutsche Firma keine Erfahrung mit dem Orgelbau für ein subtropisches Monsunklima. Die Orgel besaß viele Holzpfeifen, die ihr zwar einen wunderschönen warmen Klang gaben, aber aufgrund des starken Luftfeuchtigkeitswechsels zwischen Regen- und Trockenzeit verzogen sich die Holzpfeifen ständig, so war die Orgel häufig verstimmt. &#8211; Ich besitze leider keine komplette Liste der Organisten von 1910 bis 1949. 1910/11 scheint es Lehrer Reinhard Schuhmann gewesen zu sein, von 1911-14 der Lehrer Willy Werner, der 1913 einen zweiten Chor bildete (neben dem von Oberrichter Crusen). In den 1920iger Jahren bis 1936 war es Arnold Mändler, der das Café Flössel leitete. Er starb im Oktober 1936, sein Sarg wurde in der Kirche aufgestellt. Von 1936  bis 1943 war es eine Schweizerin, Frau Hulda Rieder-Tschiemer von der Ostasien Mission. Von 1943-47 war es Viktor Kusik aus Harbin, der von 1943-45 die Deutsche Schule in Tsingtau besuchte, um dort das Abitur zu machen. 1943 war er erst 17 Jahre alt und wohnte bei Familie Matzat. Deswegen ging ich während des Gottesdienstes mit ihm auf die Orgelempore, denn während des Krieges gab es in Tsingtau immer wieder unangekündigte Stromsperren. So konnte es passieren, daß während die Gemeinde einen Choral mit Orgelbegleitung sang, plötzlich der Strom und damit auch der Orgelton ausfiel., da der Blasebalg von einem Elektromotor angetrieben wurde.  Meine Aufgabe war es dann, schleunigst in die linke Kammer zu eilen, den Treibriemen vom Motor zu reißen und auf ein Schwungrad umzusetzen, das ich dann per Hand drehen mußte. Nach 1-2 Minuten ertönte  die Orgel wieder, und der dünne Gemeindegesang erlangte eine vollere Dimension. -  Ein besonderes Problem für den Pfarrer war die schwierige Akustik des Raumes. Bei gefüllter Kirche funktionierte sie ordentlich, aber nach 1914 war die deutsche Gemeinde mächtig geschrumpft und die Zahl der Zuhörer betrug nur noch ein paar Dutzend. Pfarrer Seufert, der von 1922-50 an ihr tätig war, unternahm verschiedene Experimente, die Akustik zu verbessern:  ein Schalldeckel über der Kanzel wurde wieder beseitigt, zwischen den Säulen aufgehängte Vorhänge oder von Wand zu Wand gespannte schwarze Fäden nutzten auch nichts. Ein Architekt schlug vor, den ganzen Raum mit einem Putz, der Kork enthielt, zu versehen, aber die Kosten dafür waren zu hoch. So blieb Seufert nichts anderes übrig, bei seinen Predigten ganz langsam und deutlich zu sprechen.</p>
<p><strong>Die Grundeigentumsverhältnisse </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong> Vor der Errichtung der Kirche gehörte der Hügel dem deutschen staatlichen Fiskus. Nach Fertigstellung des Baus schenkte das Gouvernement nur die Fläche, die von dem Kirchengebäude eingenommen wurde, dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß zu Berlin, der damit Eigentümer nicht nur des Gebäudes sondern auch des Grund und Bodens war. Das Gelände um die Kirche herum blieb Eigentum des Fiskus, der die Hänge des Hügels mit Bäumen bepflanzte. <strong> </strong></p>
<p>Nach der Besetzung Tsingtaus am 7.11.1914 durch die Japaner konfiszierten sie auch das Kirchengebäude, erstatteten es aber am 10. Januar 1922 dem ursprünglichen Eigentümer (Deutscher Evangelischer Kirchenausschuß) zurück, da die Rückgabe Tsingtaus an China kurz bevorstand, die dann auch am 10. 12. 1922 stattfand. Die chinesische Verwaltung ordnete 1925 eine gründliche Revision der Grundeigentumsverhältnisse an und stellte neue Grundbuchzertifikate in chinesischer Sprache aus. Bei dieser Gelegenheit wurde im  Grundbuch  der deutsche Eigentümer ins Chinesische übersetzt als „Ji Du Jiao Lian Hui“, d.h. „Kirche der Vereinigten Protestantischen Gemeinde“. Diese falsche Übersetzung stimmte aber mit den tatsächlichen Gegebenheiten überein, denn die Kirche wurde inzwischen auch von der Britischen Anglikanischen Gemeinde , der American Sunday Service Community u.a. genutzt, was ganz im Sinne der Deutschen war, denn sie konnten nach 1920 nicht mehr allein die Kosten für die Instandhaltung, Heizung usw. aufbringen. Die Vorstände dieser einzelnen Kirchengemeinden bildeten ein Komitee, das diese „Kirche der Vereinigten Protestantischen Gemeinde“ repräsentierte, und mit Genehmigung des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses erhielt dieses Komitee das Recht der Treuhänderschaft. Die einzelnen Kirchengemeinden veranstalteten, schon aus sprachlichen Gründen, keine gemeinsamen Gottesdienste, aber in allen Sach- und Rechtsfragen kooperierte man. Dr. Seufert vertrat das Komitee gegenüber den chinesischen Behörden. Das Grundstück, auf dem das Kirchengebäude stand, wurde 1925 als Volleigentum (freehold) anerkannt, während die chinesische Verwaltung damals Grund und Boden üblicherweise nur in 30jähriger Pacht oder einer Art Erbbaurecht (leasehold) vergab. Im Jahre 1936 ließ die Verwaltung ihre Absicht erkennen, das Gelände um die Kirche, welches früher dem deutschen Gouvernement und jetzt der Stadt gehörte, zu parzellieren und für Bebauungszwecke freizugeben. Damit bestand die Gefahr, daß die Kirche auf fast allen Seiten von Häusern umgeben wurde. Die Deutschen, organisiert in der „Deutschen Vereinigung Tsingtau“, beschlossen daher, das Gelände des Kirchenhügels von der Stadt zu pachten und dort eine Deutsche Schule und ein Deutsches Heim neu zu bauen. Architekt dieser beiden neuen, 1936-37 errichteten Gebäude war Paul Friedrich Richter, der schon 1907 sich an dem Wettbewerb für den Bau der Christuskirche beteiligt, aber zusammen mit Hachmeister nur den 3.Preis erhalten hatte. Dieses neu geschaffene Dreier-Ensemble erhielt den Namen: „Deutsches Eck“.  &#8211; Als Pächter des Geländes um die Kirche trat aber nicht die Deutsche Vereinigung auf, sondern die Deutsche Evangelische Gemeinde, und der Pachtbrief war dementsprechend ausgestellt auf die „De Guo Ji Du Jiao“. Dahinter standen komplizierte finanz- und steuerrechtliche Überlegungen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde der besagte Pachtbrief sofort als „Feindbesitz“ von der chinesischen Behörde zur Verwaltung des Fremdeigentums beschlagnahmt, während das Kirchengebäude davon nicht betroffen war, da aufgrund der falschen Eintragung im Grundbuch: „Kirche der Vereinigten Protestantischen Gemeinde“ es als eine internationale Institution bewertet wurde. Nachdem 1946 und 1947 die meisten Deutschen Tsingtaus repatriiert worden waren, organisierte Pfarrer Dr. Seufert mit deutschen, amerikanischen, britischen und auch chinesischen Christen der Stadt eine „neue“ Gemeinde unter dem Namen „Tsingtao Community Church“, an deren Gottesdiensten (in englischer Sprache) Mitglieder der verschiedensten Denominationen teilnahmen. Im Jahre 1948 ordnete die Guomindang Stadtverwaltung eine Revision der Grundbucheintragungen an. Die Tsingtao Community Church fragte daraufhin in Frankfurt am Main beim Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland an, ob es damit einverstanden ist, daß im Grundbuch wieder, wie schon 1925, als Eigentümer die „Ji Du Jiao Lian Hui“ eingetragen wird. Die Antwort aus Deutschland war positiv. Sie lautete: „Frankfurt/Main den 18.3.1949. Vollmacht für die Tsingtao Community Church. Wir ermächtigen die Tsingtao Community Church in Tsingtao, die treuhänderische Verwaltung des Besitzes, der in Tsingtao auf die Chi Du Chiau Lien Hui eingetragen ist, zu übernehmen. Die Vollmacht gilt mit folgenden Maßnahmen: 1) Die Deutsche Evangelische Gemeinde in Tsingtao soll für die Zeit ihres Bestehens zum freien Gebrauch der Kirche berechtigt sein; über die Zeiten der Benutzung muß jeweils ein Einverständnis erzielt werden. 2) Alle Maßnahmen, die die Christus-Kirche betreffen, können nur mit Zustimmung von Pfarrer Dr. W. Seufert getroffen werden. gez. D. Martin Niemöller, Kirchenpräsident.“ Pfarrer Seufert glaubte nun, daß damit der internationale Charakter der Christuskirche sowohl durch den tatsächlichen Gebrauch als auch durch die Grundbucheintragung gewährleistet sei. Nachdem aber die Kommunisten am 2. Juni 1949 Tsingtau besetzt hatten, wurde von ihnen die existierende Grundbucheintragung nicht anerkannt und das Kirchengebäude, da als deutsches und damit Feindeigentum bewertet, enteignet. Nun mußten die deutsche evangelische Gemeinde und die Community Church für die Nutzung der Kirche für die Periode 1.6. bis 31.12.1949 an die Stadtverwaltung eine Miete von 1200.- U.S.$ zahlen. Um die Schraube der Verdrängung noch stärker anzuziehen, wurde sogar rückwirkend für die Periode 1.1. bis 31.5.1949, als die Kommunisten noch gar nicht Herren der Stadt waren, eine Miete von 700.- U.S.$ gefordert. Die ca. 70 Mitglieder der Community Church, zur Hälfte aus mittellosen chinesischen Studenten und ansonsten überwiegend aus Missionaren bestehend, mußten eine große Anleihe aufnehmen. Da abzusehen war, daß die zukünftigen Abgaben nicht mehr zu bezahlen waren, wurde Ende November 1949 die Christuskirche mit dem gesamten Inventar den Behörden übergeben. Am 1. Advent, den 27.11.1949, fand in der Christuskirche der letzte deutsche Gottesdienst und am Abend der der Community Church statt.</p>
<p><strong>Die Deutsche Evangelische Gemeinde Tsingtau</strong></p>
<p align="center">
<p>Die Pfarrer der deutschen protestantischen Gemeinde Tsingtaus von 1898 bis 1952 waren, mit Ausnahme von Pfr. Winter, jeweils Missionare des Allgemeinen Evangelisch Protestantischen Missionsvereins, später Ostasien-Mission genannt, die das Amt zunächst halbamtlich (bis 1902), später ab 1915 ehrenamtlich ausübten. Ihre Namen:</p>
<p>Dr. theol. h.c. Ernst Faber (+ Tsingtau 1899)</p>
<p>Richard Wilhelm (1899 &#8211; 1900)</p>
<p>Lic. theol. Wilhelm Schüler (1900-02 halbamtlich, 1902-04 als vollbesoldeter Gouvernementspfarrer.</p>
<p>Ludwig Winter (1905 &#8211; 1915), Marineoberpfarrer, durch die Japaner ausgewiesen, war dann    Pfarrer in Tientsin (1915 &#8211; 1919)</p>
<p>Dr. theol. h.c. Richard Wilhelm (1915 &#8211; 1920)</p>
<p>Dr. phil. Hermann Bohner (1920 &#8211; 1922)</p>
<p>Missionssuperintendent Dr. theol.h.c. Emil Schiller (1922, aus Kyoto, in Vertretung)</p>
<p>Dr. phil., Dr. theol. h.c. Wilhelm Seufert (1922 &#8211; 1952), durch die Kommunisten ausgewiesen. Pfarrer Seufert war zweimal auf Urlaub in Deutschland, er wurde 1930/31 durch Missionar Gerhard Rabes, 1939/40 durch Missionar Theodor Jaeckel vertreten. Sowohl Seufert als auch Bohner hatten 1914 bei der Verteidigung Tsingtaus mitgekämpft und waren dementsprechend von Nov. 1914 bis 1920 in japanischer Kriegsgefangenschaft gewesen.</p>
<p>Auch die Missionare der Berliner Mission, vor allem Missionssuperintendent Dr. theol. h.c. Johannes Voskamp (+ in Ts 1937) und dann auch Missionar Adolf Kunze (+ in Ts 1922) haben immer wieder ab 1899 vertretungsweise Gottesdienste gehalten und Amtshandlungen (Taufen, Beerdigungen) durchgeführt.</p>
<p>Nach der Einweihung der Kirche im Oktober 1910 fanden die Gottesdienste, obwohl  Winter hauptamtlicher Pfarrer war, öfters nur alle 14 Tage statt, und in der Hitzeperiode fielen sie sogar ganz aus. In der Zeit der Besetzung ab Nov. 1914 wollten die japanischen Behörden die Kirche ganz schließen, zumal von den Deutschen nur noch 180 Kinder, 135 Frauen und 26 Männer in Tsingtau zurückgeblieben waren, dementsprechend war die Zahl der Gottesdienstbesucher enorm geschrumpft. Aus Protest gingen die Frauen jetzt erst recht kontinuierlich zum Gottesdienst, und obwohl man kein Geld hatte, die Kirche in der kalten Jahreszeit zu heizen, trotzte man der Kälte durch Mitbringen von warmen Decken und Kissen. Tatsächlich konnte so die Beschlagnahme der Kirche abgewendet werden. Pfarrer Winter äußerte sich häufig kritisch gegenüber den japanischen Besatzern, so daß sie ihn im Frühjahr 1915 auswiesen. So mußte Missionar Dr. Richard Wilhelm, nun ehrenamtlich, von 1915-20 die Gottesdienste gestalten. Einige seiner damaligen Predigten hat er im Druck vervielfältigt, ein Teil von ihnen wurde an die deutschen Kriegsgefangenen in Japan geschickt. Im übrigen hat Richard Wilhelm alle seine Predigtmanuskripte aufgehoben, sie befinden sich jetzt im Richard Wilhelm Nachlass bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Jede Predigt, die er von 1915 bis 1920 in Tsingtau gehalten hat, ist damit noch heute dokumentiert.</p>
<p>Nach Kriegsende konnten im Frühjahr 1920 die Frauen und Kinder nach Deutschland zurückkehren, dadurch wurde die Zahl der Deutschen noch stärker reduziert. Das erste nach dem Kriege aufgestellte deutsche Adreßbuch vom Nov. 1926 zählt in und um Tsingtau 218 Deutsche (103 Männer, 63 Frauen, 52 Kinder.)  Von 1920 bis 1947 fanden die Gottesdienste nur jede zweite Woche statt, anschließend war der Kindergottesdienst im Konfirmandensaal. Im Winter wurde nur dieser Saal geheizt, so daß auch der Erwachsenengottesdienst dort abgehalten wurde. Zur Begleitung der Choräle stand ein Harmonium zur Verfügung. Ausnahmen waren die mit festlicher Chormusik gestalteten Gottesdienste am 1. Advent, Heiligabend und Weihnachtstag im großen Kirchenraum. Zum Heiligabend wurde der Altarraum mit ein Dutzend Kiefern, kerzenbestückt, vollgestellt, und auch an den Sitzbänken überall Kerzen angezündet. Wie zu erwarten, war dies der bestbesuchte Gottesdienst des Jahres.</p>
<p>Die Deutsche Vereinigung Tsingtaus hatte 1936-37 kein eigenes Klubgebäude mehr. Man hatte das Deutsche Heim an der Ecke von Kiangsu und Kiaochow Road, das von 1914-36 Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Deutschen gewesen war, im Jahre 1936 an die American Lutheran Mission verkauft. Diese baute das Heim um zu einer Kirche für die chinesischen Lutheraner. Durch den Verkaufserlös konnten die Deutschen neben der Christuskirche ein neues Heim und ein neues Schulgebäude errichten. Dieses Ensemble aus Kirche, Heim und Schule erhielt deshalb den Namen: Deutsches Eck. Bis das neue Deutsche Heim im September 1937 bezogen werden konnte, diente 1936-37 der sog. Konfirmandensaal in der Christuskirche als Versammlungsraum für die Mitglieder der Deutschen Vereinigung.</p>
<p>Ein Problem für die kleine deutsche Kirchengemeinde war nach 1920 der Unterhalt des großen Gebäudes (Reparaturen, Heizung). Ein Taifun im Sommer 1926 warf z.B. viele Ziegel des Daches herunter. Deswegen war es ihr sehr willkommen, daß britische und amerikanische Gemeinden bereit waren, ihren Gottesdienst ebenfalls in der Christuskirche abzuhalten. Dadurch wurden die Unterhaltskosten auf mehrere Gruppen aufgeteilt. Selbst nach Beginn des Krieges zwischen Deutschland und Großbritannien im Sept. 1939 fanden die Gottesdienste der britischen Anglikaner noch ein Jahr lang in der deutschen Kirche statt. Erst nach der Internierung der Briten und Amerikaner durch die Japaner ab Dez. 1941 mußten die Deutschen von 1942-45 die Kosten wieder allein tragen. Gegen Ende des Krieges gab es hin und wieder Fliegeralarm, wenn amerikanische Bomber die Stadt anflogen. Da die deutsche Schule direkt neben der Kirche lag, wurde deren Kellergeschoß als „Luftschutzbunker“ für uns Schüler eingerichtet, sowie Sandsäcke vor dem Eingang aufgestellt. Nach Kriegsende im August 1945 landete in Tsingtau die 6. U.S. Marineinfanterie-Division. Ihre protestantischen Militärpfarrer (chaplains) baten darum, die Christuskirche benutzen zu dürfen, was ihnen natürlich nicht verweigert werden konnte. Nun fanden jeden Sonntag um 11 Uhr deren Gottesdienste statt (jeweils mit ausgedrucktem Programm) und an manchen Sonntagen auch noch am Abend, mit anschließender „social hour“ im ehemaligen Deutschen Heim, das die U.S. Streitkräfte als Klubgebäude für sich beschlagnahmt hatten. Viktor Kusik, der seit 1943 den Orgeldienst wahrnahm, tat dies nun zusätzlich auch bei den amerikanischen Gottesdiensten.</p>
<p>Am 24. Nov. 1948 wäre es beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Im Dachgeschoß der Sakristei brach ein Feuer aus, welches das Dach der Räume in der Nordwestecke der Kirche völlig zerstörte. Glücklicherweise gelang es, das Feuer schnell zu löschen, obwohl zu der Zeit ein starker Nordwind blies und das Dach des Kirchenschiffes an der Nordseite des Turmes auch schon zu brennen anfing. Die gewölbte Decke des Hauptraumes besteht nämlich nur aus einer dünnen Betonschicht, aufgetragen auf ein eisernes Traggitter, das oben an den hölzernen Dachsparren angebracht ist. Hätten die Holzbalken des Sparrendaches auch Feuer gefangen, wäre die gesamte Decke heruntergefallen. Da die Kirche damals noch von der amerikanischen Marine mitbenutzt wurde, konnte mit ihrer technischen Hilfe und finanziellen Unterstützung über den zerstörten Räumen ein provisorisches Holzdach angebracht werden.</p>
<p>Als die Kommunisten am 2. Juni 1949 die Stadt besetzten, lebten noch rund 70 Deutsche (inclusive 11 kathol. Patres) in Tsingtau. Die gottesdienstliche Nutzung der Kirche endete Ende Nov. 1949 mit der Beschlagnahme durch die Kommunisten, wie bereits oben geschildert. Danach durften die Deutschen ihren Gottesdienst in der Kapelle der Anglican Church Mission abhalten, während in einem Saal der Methodisten Mission die Community Church unterkam. Deren Vorstandssitzungen fanden im Gebäude des ehemaligen amerikanischen Konsulates statt, direkt gegenüber der Christuskirche in der Yishui Rd. 1. Dort wohnten der amerikanische Missionar Perry O. Hanson und seine Frau. Die (englisch-sprachigen) Protokolle der Vorstandssitzungen von 1949 bis 1951, sowie andere Dokumente bezüglich der Christuskirche, haben sich erhalten, ich entdeckte sie im Britischen Staatsarchiv in London. Diese Papiere waren dem letzten britischen Generalkonsul in Tsingtau, Mr. R.H.Eckford ausgehändigt worden, und als im Sommer 1951 das dortige britische Konsulat aufgegeben wurde, nahm er die Dokumente in seinem Diplomatengepäck mit nach England, wo er sie dem Public Record Office übergab.</p>
<p>Der letzte Gottesdienst der Tsingtao Community Church mit anschließender „fellowship hour“ fand am 18. Febr. 1951 statt. Gleichzeitig wurde im Februar 1951 auch die Deutsche Evangelische Gemeinde aufgelöst, und die kommunistischen Behörden verlangten die Registrierung ihres Eigentums. Dadurch mußten die Tauf- und Abendmahlgeräte aufgezählt und anschließend der Staatsbank übergeben werden. Es handelte sich um:</p>
<p>1 silberne Taufschale (1902 von Admiral v.Bendemann gestiftet, nicht von Admiral v.Diederichs, wie Seufert fälschlicherweise schreibt)</p>
<p>1 silberner, innen vergoldeter Abendmahlskelch (1899 von Prinzessin Irene von Preußen, Gemahlin des Admirals Prinz Heinrich von Preußen, gestiftet)</p>
<p>1 silberner kleiner Teller</p>
<p>1 versilberte Abendmahls-Weinkanne</p>
<p>1 versilberter Abendmahlskelch</p>
<p>1 versilbertes Ciborium mit Deckel</p>
<p>1 versilberter kleiner Teller.</p>
<p>Die Bank übernahm von den genannten Geräten nur die ersten drei, da sie aus echtem Silber bestanden und zahlte dafür einen kleinen Betrag, der an arme Mitglieder der Gemeinde verteilt werden mußte. Die restlichen vier Geräte konnte Pfarrer Seufert bei seiner Ausreise im März 1952 mit nach Deutschland nehmen. Er übergab sie dem Kirchlichen Außenamt mit dem Wunsch, daß sie einer armen heimischen Gemeinde zum weiteren Gebrauch übergeben werden und an irgendeiner nicht auffälligen Stelle der Vermerk eingraviert wird: „Deutsche Evangelische Gemeinde Tsingtau 1898 bis 1951.“   Das Außenamt wählte die Evangelische Gemeinde in Obernzell a.d.Donau als Empfänger aus, und an Sylvester 1952 wurden die vier Geräte dort übergeben, wo sie sich auch heute  noch befinden.</p>
<p>Seit August 2008 ist Dr. Karl-Heinz Schell Pfarrer der Evangelischen  Gemeinde deutscher Sprache in Peking. Sein Amtsbezirk reicht nach Norden bis Harbin, nach Süden bis Tsingtau einschließlich. Er hat am 9.2.2010 in der Christuskirche Prof. Becker (Hannover) und Li Na (Tsingtau) getraut, zusammen mit Pfarrer Sun Bin. Es war dies wohl die erste deutschsprachige Amtshandlung in der Christuskirche seit 1949. Pfarrer Schell teilt mit, dass die Evangel. Gemeinde in Peking beim Abendmahl den Kelch der Berliner Mission in Tsingtau aus dem Jahre 1899 benutzt und den Kelch der früheren deutschen evangel. Gemeinde in Tientsin. Deren Taufkanne ist jetzt bei der Gemeinde in Changchun.</p>
<p>Im März 1981 besuchte zum ersten Male seit 1949, unter Leitung von Hermann Neukamp, eine Gruppe ehemaliger Tsingtau- und Chinadeutscher die Stadt, darunter auch ich. Einige von uns nahmen am 22.3. am chinesischen Gottesdienst in der Christuskirche teil. Frau Ursula Ulbricht (geb. Mohrstedt) regte daraufhin an, daß unsere Gruppe der chinesischen Gemeinde 2 Kerzenleuchter stiftet. Diese wurden dann in Deutschland, aus Zinn, hergestellt. Da im September 1982 eine 2. Gruppe von Tsingtauern, diesmal unter Leitung von Thies Nauert, dorthin fuhr, nahm diese die Leuchter mit, und Frau Gisela von Goldammer (geb. Dohse) überreichte sie im sog. Konfirmandensaal mit den Worten: „Im Namen der ehemaligen Tsingtau-Deutschen, die im März vergangenen Jahres diese evangelische Kirche besucht hatten, überreichen wir Ihnen diese beiden Leuchter mit Kerzen. Wir hoffen, daß diese Leuchter ihren Platz auf dem Altar finden werden. Von Deutschland aus gehen unsere Gedanken oft nach Tsingtau, unserer zweiten Heimat. Wir danken den Herren von Lüxingshe (dem amtlichen chines. Reisebüro), daß sie uns ermöglicht haben, die Kerzenleuchter heute zu übergeben. Wir bitten Sie, auch dem Herrn Bürgermeister unseren Dank auszusprechen. Unsere Freunde in Deutschland haben uns gebeten, bei der Übergabe ein Photo zu machen, das wir ihnen dann in Deutschland zeigen können“. Herr Pastor Wang antwortete: „Im Namen der Kirche danke ich Ihnen und dem deutschen Volk“.   (Das Photo ist vorhanden.)</p>
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		<title>Günther, Otto (1870-1942), Zivilkommissar und Gertrud Günther, geb. Schmaltz ( &#8211; 1927)</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 22:08:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>wmatzat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographien]]></category>

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		<description><![CDATA[Otto Günther wurde am 9.3.1870 in Friedrichsfelde, Krs. Niederbarnim, Brandenburg geboren. Über seine Berufsausbildung ist nichts bekannt. Entweder hat er sich als Verwaltungsfachmann oder als Jurist ausbilden lassen, eventuell als beides.  Er kam bereits 1898 als Angestellter der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft nach Tsingtau. Ende 1900 wurde er der dritte Zivilkommissar des Kiautschou-Gouvernements und blieb Chef der zivilen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Otto Günther wurde am 9.3.1870 in Friedrichsfelde, Krs. Niederbarnim, Brandenburg geboren. Über seine Berufsausbildung ist nichts bekannt. Entweder hat er sich als Verwaltungsfachmann oder als Jurist ausbilden lassen, eventuell als beides.  Er kam bereits 1898 als Angestellter der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft nach Tsingtau. Ende 1900 wurde er der dritte Zivilkommissar des Kiautschou-Gouvernements und blieb Chef der zivilen Landesverwaltung Tsingtaus bis zum 7.11.1914.</p>
<p>1904 wurde er zum Admiralitätsrat ernannt, 1909 zum Geheimen Regierungsrat. Verheiratet war er mit Gertrud Schmaltz. Dem Ehepaar wurden in Tsingtau 2 Töchter geboren: Marie-Helene am 5.6.1907 und Elisabeth Charlotte am 29.8.1908.</p>
<p>Als der 1. Weltkrieg ausbrach, blieb das Ehepaar Günther, zusammen mit den Töchtern, in Tsingtau. Nach der Besetzung Tsingtaus durch die Japaner am 7.11.1914 wurde Otto Günther von ihnen jahrelang in Einzelhaft im Polizeigebäude von Tsingtau festgehalten. Täglich durfte er nur eine Stunde „spazierengehen“, von einem japanischen Soldaten bewacht. Die Gründe für diese grausame Behandlung sind nicht klar. Eine ganze Reihe deutscher Männer haben sich von 1914 bis 1920 in Tsingtau aufgehalten, ohne daß sie inhaftiert wurden. Die Japaner hätten Günther ausweisen können, wie sie es mit dem Gouvernements-pfarrer Ludwig Winter am 10.5.1915 gemacht haben, oder sie hätten ihn nach Japan in die Gefangenschaft abführen können. Tatsächlich geschah dies dann auch, aber erst am 20.5.1918 in das Lager Bando. Jedoch kehrte er bereits am 6.12.1918 nach Tsingtau zurück (Mitteilung von J.H.Schmidt). Günther und seine Familie kehrten 1920 mit dem letzten Transport-dampfer, der deutsche Kriegsgefangene aus Japan nach Deutschland brachte, zurück. In Berlin wurde er in das Reichsentschädigungsamt  berufen und leitete dort die Entschädigungs-kommission für das Kiautschougebiet.  Nachdem diese ihre Arbeit abgeschlossen hatte, begab sich Günther in den Ruhestand und zog sich in seinen Geburtsort Berlin-Friedrichsfelde zurück, wo er in der Schloßstr. 3 wohnte. Dort ist er am 17.04. 1942 an Herzversagen gestorben. Als Erbin wird seine jüngere Tochter, Elisabeth Charlotte Günther genannt, die 33jährig damals (noch) nicht verheiratet war. (Nachruf in Ostasiatische Rundschau 1942, S. 116, gez. Ro. Es handelt sich entweder um den ehemaligen Tsingtauer Richter Romberg oder um Rosenberger.)</p>
<p>Obwohl Günther ununterbrochen von Ende 1900 bis Nov. 1914 den Posten des Zivil-kommissars innehatte, fällt auf, daß er in geschichtlichen Abhandlungen über das Pachtgebiet Kiautschou kaum erwähnt wird. Das hat mehrere Gründe. Als er das Amt übernahm, waren die maßgeblichen Entscheidungen für die Entwicklung des Gebietes in den 3 Jahren von Sommer 1898 bis Sommer 1900 gefallen. Geschäftsträger als Zivilkommissar in dieser Gründungsphase  war der Chefdolmetscher Dr. Wilhelm Schrameier gewesen. Er hatte die Weichen gestellt, und auch als „Kommissar für chinesische Angelegenheiten“ von 1900 bis Januar 1909 war er die dominierende Person in der Administration. Einige haben ihn auch als den „eigentlichen Gouverneur“ bezeichnet. Es ist Günthers persönliches Pech, daß er bis Januar 1909 ganz im Schatten von Schrameier gestanden hat. Günther war eine integre, verbindliche, ausgleichende Persönlichkeit. In dem Nachruf heißt es: „Wenn nach einem Worte Treitschkes außer der gründlichen Sachkenntnis die Liebe zum Detail den bedeutenden Verwaltungsbeamten macht, so war Günther der geborene Verwaltungsbeamte.“   Nicht jeder wird dieses Urteil über einen klassischen Bürokraten als positiv bewerten.</p>
<p>Frau <strong>Gertrud Günther</strong> leitete während der Belagerung Tsingtaus das Kriegslazarett „Seemannshaus“  und hat sich zusammen mit vielen anderen Frauen in Tsingtau während des 1. Weltkrieges engagiert darum bemüht, das Los der deutschen Kriegsgefangenen in Sibirien und Japan zu mildern, u.a. durch Sammlung von Kleidungsstücken und Expeditierung dahin. In Tsingtau setzte sie sich dafür ein, die weit im Gelände verstreuten Einzelgräber der deutschen Gefallenen in kleinen Friedhöfen zu vereinen und für deren pietätvolle Pflege zu sorgen. Privat arbeitete sie unablässig daran, den Japanern Erleichterungen für ihren inhaftierten Gatten abzutrotzen.</p>
<p>In Berlin ist Frau Günther am 16.02.1927 nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.</p>
<p>(Nachrufe durch Prof. Hans Wirtz und Admiral Oskar von Truppel in Ostasiatische Rundschau 1927, S. 64 und 79/80)</p>
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