Cordes, Heinrich (1866 -1927), Dolmetscher und Bankdirektor

Geboren in Lübbecke/Westf.  5.3.1866, evangel. -  Gestorben in Breslau am 5.7.1927Eltern: Carl Cordes,  Gerichtssekretär am Landgericht in Bielefeld, u.Marie, geb. Schuster.

Heinrich besuchte die Bürgerschulen in Lübbecke, dann in Halle/Westf., später das Realgymnasium in Bielefeld, wo er das Abitur 1886 absolvierte. Daraufhin Militärdienst als Einjähriger vom 1.4.1886 bis 1.4.1887, schließt diesen ab als Vizefeldwebel d.R., erhält später den Rang als Leutnant d.R. Beginnt Ostern 1887 an der Universität Berlin das Studium der Philologie, wechselt aber nach einem Semester über zum Jura-Studium. Gleichzeitig tritt er am Seminar für Orientalische Sprachen in die Chinesischklasse ein und absolviert erfolgreich am 24.7.1890 die Diplomprüfung für Chinesisch. Am 26.2.1892 besteht er die erste juristische Staatsprüfung und wird ab 31.3.1892 als Gerichtsreferendar angestellt. Einige Wochen vorher hatte er an das Auswärtige Amt den Antrag gestellt, in den auswärtigen Dienst übernommen zu werden. Am 24.8.1892 teilt das AA ihm mit, dass er als Dolmetscheraspirant nach Peking gehen kann. Im deutschen Auswärtigen Dienst gab es damals noch drei streng geteilte Lauf-bahnen: den diplomatischen, konsularischen und Dolmetscher-Dienst. Ein Dolmetschereleve mußte sich für 10 Jahre verpflichten. Danach bestand eventuell die Möglichkeit, in den konsularischen Dienst übernommen zu werden. Hierfür mußte man sich einer sog. Konsulats-prüfung unterziehen. Sie bestand in der Anfertigung zweier schriftlicher Arbeiten, einer „wissenschaftlichen“ und einer „praktischen“, die letztere mußte in Englisch oder Französisch geschrieben werden. Fielen die Arbeiten nicht so gut aus, erfolgte noch eine mündliche Prüfung. -   Cordes unterschrieb also den Anstellungsvertrag als Dolmetschereleve und traf am 15.12.1892 in Peking ein. Der Vertrag gewährte ihm freie Wohnung im Gelände der Gesandt-schaft und ein Jahresgehalt von 6000.- Mark. Wie jeder Aspirant erhielt er einen chinesischen Lehrer zur Vervollkommnung seiner Chinesischkenntnisse. Gemäß dem deutschen Beamtensystem gab es an der Gesandtschaft in Peking die üblichen „etatsmäßigen Planstellen“. Dementsprechend gab es den 1.Dolmetscher (das war von 1890 bis 1900 Conrad Freiherr von der Goltz) und den 2. Dolmetscher. Cordes war von Dez. 1892 bis Frühjahr 1895 als Dolmetschereleve an der Gesandtschaft tätig, ab 18.4.1895 vertrat er kommissarisch den 2.Dolmetscher, der auf Heimaturlaub ging. Am 12.5. 1896 schließlich erhält er diesen etatsmäßigen 2. Dolmetscherposten in Peking, jetzt mit einem Jahresgehalt von 9000.- Mark und freier Wohnung. (Der 1.Dolmetscher, der den umständlichen Titel führte: „Secrétaire interprète“, hatte ein Gehalt von 15000.- Mark.) Wenige Wochen später traf als neuer deutscher Gesandter in Peking Freiherr von Heyking ein. Er scheint mit den Fähigkeiten von Cordes nicht so zufrieden gewesen zu sein. Jedenfalls meldet Berlin am 10.12.1896 nach Peking, dass der Gesandte beantragt habe, anstelle des 2. Dolmetschers, Cordes, der zur Vertretung des ersten im Verkehr mit dem Tsungli Yamen seiner Persönlichkeit nach nicht geeignet sei, Dr. Otto Franke zum 2. Dolmetscher zu ernennen. Dieser sei zur Zeit der beste Dolmetscher, den wir jetzt in China haben, durch seine Sprachkenntnisse und Gewandtheit seines gesellschaftlichen und amtlichen Auftretens.

Immerhin war Cordes also jetzt Reichsbeamter mit Anspruch auf eine Pension. Charakteristisch für die diplomatischen Vertretungen des Deutschen Reiches in China war es, dass von den Beschäftigten ständig welche krank waren oder gerade Heimaturlaub hatten, so dass die Beamten kreuz und quer durch China geschickt wurden, um Vertretungen temporär vakanter Posten wahrzunehmen. Kaum war Cordes der offizielle 2. Dolmetscher in Peking geworden, musste er im September 1896 an das Konsulat in Canton, wo er bis Mai 1897 den Dolmetscherdienst übernahm. Hier begann er eine Liaison mit der  16jährigen Halbchinesin Yuksin Chou, die er später auch legal heiratete, nachdem sie ihm 9 Kinder geboren hatte. Kaum wieder in Peking eingetroffen, schickte man ihn ein paar Wochen später im Juli 1897 nach Hankou, wo das Deutsche Reich eine Konzession erhalten hatte. Dort sollte er für die einzurichtende deutsche Niederlassung die notwendigen Grundstücke kaufen, was ungefähr ein Jahr dauerte. Inzwischen war Dr. Franz Grunenwald als Vizekonsul für Hankou eingetroffen, Cordes blieb in Hankou bis Mai 1899 und vertrat dort den noch nicht besetzten Dolmetscherposten.

Sechseinhalb Jahre war er nun in China und hatte jetzt Anspruch auf einen sechsmonatigen Heimaturlaub. Am 24.6.1899 verlässt er Peking. Der deutsche Kaiser verleiht ihm am 13.8. den Roten Adler Orden 4. Klasse, als Anerkennung für seine Tätigkeiten bei der Einrichtung der Niederlassung in Hankou. Da er Leutnant d.R. ist, muss er im Anschluss an seinen Urlaub in Berlin an einer militärischen Dienstübung teilnehmen. Diese tritt er am 12. März 1900 an, sie sollte bis zum 12. Mai dauern. Da ereilt ihn das Schicksal in Form einer kaiserlichen Order, dass er unverzüglich sich nach Peking begeben soll, da von den drei Dolmetschern nur Freiherr von der Goltz dort anwesend ist, dieser aber am 2. April 1900 einen Heimaturlaub angetreten hat. Nach einem Monat, am 8.April, beendet also Cordes vorzeitig den Militär-dienst, schifft sich am 17.4. in Genua ein und erreicht Tientsin am 1.6.1900, wo er die Ausländer in heller Aufregung vorfindet, da die Boxer bereits ausländische Eisenbahn-ingenieure an der Paotingfu Linie vertrieben und einige auch ermordet hätten. Die ganze Provinz Hebei befände sich im Aufruhr. Cordes gelingt es noch, am 2.6. mit der Eisenbahn von Tientsin nach Peking zu kommen – 2 Tage später wurde die Linie von den Boxern zerstört.  Der auswärtige Dolmetscher Forke, der seit dem 2.4. die Dolmetscherstelle wahr-genommen hatte, war bereits einen Tag vorher am 1.6. nach Shanghai abgereist. Nur 17 Tage nach Cordes Eintreffen in Peking, am 19. Juni, begann die Belagerung der Gesandtschaften mit der Kriegserklärung Chinas an die ausländischen Mächte und der Aufforderung an die Gesandten, innerhalb von 24 Stunden Peking zu verlassen. Der deutsche Gesandte, Clemens Freiherr von Ketteler, will die chinesische Regierung noch umstimmen und begibt sich am 20. Juni vormittags zum Außenministerium (Tsungli Yamen). Cordes begleitet ihn als Dolmetscher. Von den beiden sitzt jeder in einer Sänfte. Kurz vor dem Ministerium sieht Cordes, wie ein uniformierter mandschurischer Bannerunteroffizier an Kettelers Sänfte, die vor ihm getragen wird, herantritt und sein Gewehr auf den Gesandten richtet. Cordes schreit „Halt“, in dem Moment kracht der tödliche Schuss, die Träger lassen die Sänften fallen. Cordes erhält noch in der Sänfte einen Durchschuss durch Oberschenkel und Unterleib, kann aber herausspringen, und obwohl die mandschurischen Soldaten heftig auf ihn schießen, kann er sich durch Seitengassen davonschleppen, bis er nach einer halben Stunde amerikanische Militärposten am Hatamen erreicht, wo er bewusstlos zusammenbricht. Auf einer ausgehängten Tür als Tragbahre wird er in die britische Gesandtschaft getragen, wo für die Zeit der erwarteten Belagerung ein allgemeines Hospital eingerichtet worden war. Die Wunde heilt erstaunlich gut, und als Rekonvaleszent schreibt er die ihm berichteten Tagesereignisse der Kämpfe in Form von Briefen an einen Freund in Deutschland nieder. Dieser erhält die  Schilderungen nach der Befreiung zugeschickt, und er wiederum gibt sie an die Kölnische Zeitung, die Auszüge in Fortsetzungen vom 6.-8. Nov. 1900 abdruckt. Da Cordes der einzige Augenzeuge des Attentates auf von Ketteler war, ist er durch seinen Bericht in die Annalen der Geschichte eingegangen. Hätte er, wie vorgesehen, seine militärische Übung erst am 12. Mai in Berlin beendet, dann wäre ihm die Heimsuchung der Verwundung und der wochen-langen Belagerung des Pekinger Gesandtschaftsviertels erspart geblieben und das Schicksal hätte Forke getroffen. Cordes durfte  sehr bald einen Genesungsurlaub nach Südchina antreten, der dann verlängert wurde zu einem Heimaturlaub, damit seine volle Gesundheit wiederhergestellt werde. Am 1. Febr. 1901 traf er in Genua ein und blieb zunächst im milden Klima Norditaliens, ehe er später nach Berlin ging. Dort trat die Direktion der Deutsch Asiatischen Bank an ihn heran, ob er nicht die Leitung der Tientsin Filiale der DAB übernehmen könne. Sicherlich hat Cordes freudig zugestimmt, am 1.6. beantragt er die Entlassung aus dem Reichsdienst, die ihm am 12. Juni 1901 gewährt wird, er darf den Titel „Konsul“ führen – obwohl er nie einer gewesen ist. Wenige Tage vorher, am 5. Juni, wurde er von Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais zu Potsdam empfangen. Zu seinem Roten Adler Orden 4. Klasse erhält er zusätzlich die „Schwerter“, wohl weil er quasi an einer „Kriegs-front“ verwundet wurde. Weitere Orden, die er im Laufe der Zeit erhielt: 1902 den russischen St. Annen Orden 3. Klasse mit Schwertern für die Verteidigung der Pekinger Gesandtschaf-ten. 1902 die China Gedenkmünze aus Bronze. 1908 den Kronen Orden 3. Klasse für den Eisenbahnvertrag zum Bau der Tientsin-Pukou Bahn. 1913 den Roten Adler Orden 3. Klasse mit Schleife und Schwertern am Ringe. Januar 1914: den chinesischen Chia Ho Orden 3. Klasse.

Cordes war also seit Herbst 1901 Direktor der Tientsin Filiale der DAB und außerdem Präsident des deutschen Konsortiums für Regierungsprojekte mit China. Ein wichtiges Anliegen der ausländischen Mächte in China war es damals, Regierungsanleihen zu platzieren und Eisenbahn-Konzessionen zu ergattern. Nachdem die Deutschen 1899-1904 die Eisenbahn von Tsingtau nach Tsinan fertiggestellt hatten, war es ihnen ein wichtiges Anliegen, auch die Nord-Süd-Strecke durch Schantung zu bauen, von Tientsin über Tsinan an den Yangtse. Die überaus komplizierten und schließlich erfolgreichen Verhandlungen für den geplanten Bau der Tientsin-Pukou Bahnlinie (als chinesische Staatsbahn!) erstreckten sich von 1903 bis 1908. Verhandlungspartner auf der einen Seite war ein Vertreter der chinesischen Regierung (zuletzt war es Liang Tun-yen), auf der anderen Seite Cordes für die DAB und Mr. J.O.P. Bland für das britische Eisenbahnkonsortium.

Weitere Eisenbahn-Konzessionen und Anleihen, bei denen Cordes in den Jahren bis 1914 mitwirkte, sollen hier nicht aufgezählt werden. Im Jahre 1905 eröffnete er für die DAB eine Filiale in Peking und zog dann, nachdem er zunächst Direktor für beide Plätze war, ganz nach Peking, wo ja doch der Schwerpunkt für alle Verhandlungen mit der chinesischen Regierung lag.   Mit dem Beginn des Krieges im August 1914 veränderten sich die Gegebenheiten in Peking grundlegend. Es sei aber zunächst die Schilderung des amerikanischen Journalisten M. Brace vom Dezember 1914 bezüglich der Persönlichkeit von Cordes hier eingefügt:

„One of the most interesting men whom I met in Peking was Mr. Cordes, manager of the Deutsch-Asiatische Bank, and said to be the man behind the throne in the German Legation. He was much like my own father in appearance, and his long life in the Far East as German interpreter and banker had taken away all the bluntness from him and left German culture without the risks of German piggishness. Mr Moore from the Associated Press invited Mr. Cordes, Baron Maltzan, Charge d’affaires of the German Legation, and another German in for lunch to meet me. Later Baron Maltzan had the Moores and myself over for dinner. It was an interesting evening. Mr. Cordes had brought bottles of his own aged whiskey with him as he told us was always his custom when going out to dine. Mr. Cordes a long time ago married a Chinese woman and has several children, black-eyed queer coloured youngsters of whom he is very fond. The fact of his marriage to a Chinese woman has made his status a peculiar one in Peking. He never shows his wife in public. She never goes out with him and has been seen by very few in Peking. He does not speak of her ever, but is very proud of his children. I sat in his office one morning and listened to his tell of the interesting incidents in connection with the formation of the present Quintuple Group which controls the so-called reorganization loan. Cordes told a story of intrigue, of conflicting national interests, of bickering and methods of the powers that go far to make one sceptical of professions of altruism of any sort expressed nationally.”

(Quelle: M.Brace Diary, handschriftlich. Copyright by Eric Brace, Nashville)

 

Nach Ausbruch des Krieges im August 1914 bemühten sich die deutschen Diplomaten in Peking, dafür zu sorgen, dass China neutral bleibt. Nachdem Yüan Shi-kai am 6. Juni 1916 gestorben war, schickte Cordes im August 1916 ein Telegramm an das AA, in welchem er vorschlug, China durch ein deutsches Bankenkonsortium eine Anleihe von insgesamt 10 Mio $ zu geben. Dazu ist es nicht gekommen, da sich nun die für Deutschland negativen Ereignisse überstürzten. Präsident Chinas wurde Li Yüan-hung, der bis dahin Vizepräsident unter Yüan gewesen war. Er war an sich deutschfreundlich und gegen die Teilnahme Chinas am Weltkrieg. Aber die Entente konnte die Parlamentarier mit ausreichenden Geldern bestechen, so dass China im März 1917  die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, und im August folgte die Kriegserklärung. Cordes blieb in Peking, wurde allerdings „in Schutzhaft“ genommen und zwangseinquartiert im Kloster Ch’i Yuen Sse, während seine Frau und fünf Kinder in der Deutsch-Asiatischen Bank in der Legation Street wohnen blieben. Jedoch  am 13. 12. 1918 wurde die Bank von vietnamesischen Soldaten der französischen Gesandtschaftswache gestürmt, total ausgeplündert und in mehreren Räumen Brände angelegt, die dann von herbeigeeilten holländischen Soldaten gelöscht wurden. 1919 wird Cordes, wie die meisten Chinadeutschen, repatriiert. Seine Frau, die nur Chinesisch und Englisch spricht, bleibt mit einigen Kindern in Peking. Cordes lebte, wohl seit seinem Canton Aufenthalt 1896/97, mit seiner Lebensgefährtin zusammen, die ihm 9 Kinder gebar. Erst 10.08. 1914 hat er sie legal geheiratet. Es existiert ein Originalbrief der Tochter Dr. med. Antonia Cordes aus dem Jahre 1933, wo sie beantragt, in die NSDAP aufgenommen zu werden. Dort muß sie etwas über ihre Vorfahren aussagen und meldet, daß ihre Mutter, Yuk-sin Cordes (geb. Chou), eine Halbchinesin sei. Von ihrer Mutter sei deren Vater ein Engländer, die Mutter Südchinesin gewesen. Die Gauleitung Thüringens lehnt den Antrag von Toni Cordes ab wegen ihrer „nichtarischen Abstammung“. Sie war damals Assistenzärztin an den Universitätskliniken in Jena. Ihr Chef  schlug im Frühjahr 1933 vor, er und alle seine Assistenzärzte sollten geschlossen in die NSDAP eintreten! Deswegen mußte auch Toni Cordes, wollte sie nicht ihren Posten verlieren, den entsprechenden Antrag stellen. Wegen der Ablehnung ging sie daraufhin für eine kürzere Zeit nach Peking, wohnte bei ihrer Mutter (die bald starb). Sie wurde schließlich  Ärztin in Apolda.

Nach seiner Ankunft in Deutschland (1919) zog Cordes in das kleine Dörfchen Wickersdorf im Thüringer Wald, wo sich ein Schulinternat, hauptsächlich für Kinder von Auslandsdeutschen, befand, und wohin Cordes seine älteren Kinder von China aus zur Ausbildung geschickt hatte. Er hatte bereits um 1902 dort ein Haus gekauft, in welches seine unverheiratete Schwester Marie zog und seine Kinder betreute.  Auch die Kinder des Ingenieurs Stickforth, der ab 1900 als Vertreter der Firma Vering den Hafen von Tsingtau gebaut hatte, gingen in Wickersdorf zur Schule und erhielten die Spitznamen Tsching, Tschang, Tschung. In Tsingtau hatten sie, wegen des Berufs ihres Vaters, die Spitznamen: Mole I, Mole II und Mole III.

Als sich im November 1919 abzeichnete, daß die deutsche Reichsregierung eine Delegation nach China senden würde, um in Verhandlungen zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen einzutreten, schrieb der Vorsitzende des Ostasiatischen Vereins in Hamburg, March, am 2.12.1919 an den Staatssekretär des AA, Hermann Müller, und empfiehlt „einen inoffiziellen Unterhändler mit langjähriger Erfahrung und mit guten Verbindungen in Peking mit Direktiven des AA ausgestattet, hinauszusenden,“ nämlich „Herrn Cordes von der DAB, welcher nicht nur das Vertrauen der Deutsch-Chinesischen Firmen, sondern auch im hohen Maße das Vertrauen hochgestellter Chinesen auf sich vereinigt.“  Knipping, der kommissarische Leiter der Ostasienabteilung im AA und bis Herbst  1917 Generalkonsul in Shanghai, entwirft am 13.12. hierzu eine Stellungnahme, mit Bleistift geschrieben: Als Unterhändler für China empfiehlt er Dr. Herbert von Borch, da ihm aus früherer Tätigkeit als Dolmetscher in China keine Schwierigkeiten erwachsen dürften. „Was die Persönlichkeit des Herrn Cordes anlangt, so ist zu sagen, daß er zweifellos ein guter Kenner des Pekinger Milieus aus der vorrepublikanischen Zeit ist. Fühlung unter den jungchinesischen Elementen hat er naturgemäß wenig, sie muß im wesentlichen erst geschaffen werden. Seine fachmännischen Kenntnisse auf dem Gebiete des Bankenwesens und des Handels sind nicht höher zu bewerten als die irgend eines anderen Beraters. Was jedoch gemahnt, bei seiner Verwendung von Reichs wegen besonders vorsichtig zu sein, ist der Umstand seiner Belastung von früher her in zweifacher Beziehung: 1) sein höchstpersönlicher Zusammenhang mit den Ereignissen von 1900, die zu Chinas Demütigung führten, und 2) seine nahen Beziehungen zu Mandschu-Kreisen und sein Verhalten bei dem letzten Mandschu-Putsch am 1.7.1917 (Beglückwünschung Liang Tun Yens). Überhaupt ist seine Stellung in Peking zu ausgesprochen pro oder contra gewesen, und es liegt bei ihm die große Gefahr vor, dass unser amtlicher Vertreter durch einen solchen Berater wieder in alte, keine Rolle mehr spielen sollende Parteiungen hineingezogen wird[1].“

Aber auch Paul von Hintze, der 1915-17 der deutsche Gesandte in Peking gewesen war, schreibt Anfang 1920 an den Unterstaatssekretär v.Haniel und empfiehlt ebenfalls Cordes für eine Verwendung im auswärtigen Dienst für China. Dieser wird  daraufhin am 13.1.1920 zu einer Besprechung in das AA eingeladen. Letztendlich wurde aus seiner Berufung nichts, da die Regierung in Peking über ihren Gesandten in Kopenhagen mitteilen ließ, dass Cordes kein Einreisevisum für China erhalten würde – was das AA sicherlich mit Erleichterung zur Kenntnis nahm. Wenige Wochen später hat ein nicht genannter „Vertrauensmann“ sich ebenfalls  ablehnend geäußert. Knipping hat über dieses Gespräch am 20.2.1920 ein maschinen-schriftliches Protokoll angefertigt, das folgendermaßen lautet: „Ein Vertrauensmann gab hier über die Pekinger Tätigkeit von Herrn Cordes einige Einzelheiten. Bekanntlich habe Cordes Stärke in seinen Beziehungen zu Chang Chih-tung (Zhang Zhi-dong, + 1909) und seinen Anhängern bestanden. Nachdem diese aber von der Bildfläche verschwun-den seien, habe es Cordes nicht verstanden, sich in neue Kreise hineinzufinden. In dem Bestreben, neue Beziehungen anzuknüpfen, habe er eine bemerkenswerte Unsicherheit und Ungeschicklichkeit bewiesen. Bekannt und vielfach auch in der Presse besprochen, seien die Beziehungen zu dem früheren Finanzminister Ch’en Chin-t’ao (Chen Jin-tao). An diesen seien Unsummen gezahlt worden, während man nach Vorbildung und Denkart des Betreffenden wissen mußte, dass er in den Händen der Entente war. Die bekannte Veröffentlichung des Samuel G. Blythe in der „Saturday Evening Post“ gibt eine Charakteristik des Ch’en, die beweist, dass Ch’en gerade der erste war, der den Bruch zwischen Deutschland und China propagierte. Der Gesandte von Hintze wie Herr Cordes seien dabei rechtzeitig vor dem betreffenden Finanzminister gewarnt worden, hätten aber die Warnung unbeachtet gelassen[2]. Auch an andere Chinesen, besonders an einen gewissen Dr. Lin, seien auf Veranlassung von Cordes große Summen gezahlt worden.

Der schlimmste Mißgriff sei aber gewesen, dass Cordes die Beeinflussung der beiden chinesischen Parlamente mit der Begründung abgelehnt habe, Mittel dafür stünden nicht zur Verfügung. Diese Begründung sei aber nicht einmal richtig gewesen. Durch einen nahen  Verwandten des chinesischen Präsidenten (Li Yüan-hung) sei nämlich die Gesandtschaft seiner Zeit indirekt informiert worden, dass das Unterhaus durch eine Zahlung von 1 Mill. $ gewonnen werden könne, (….) und dass das Oberhaus mit einer halben Million zu gewinnen sei. In beiden Fällen sei, wie gesagt, die Bearbeitung dieser Möglichkeiten durch den Widerspruch von Cordes glatt vereitelt worden. Dem gegenüber seien Unsummen für Geschenke von Gold- und Silbersachen an Chinesen und Chinesinnen gegeben worden: Der Gesamtbetrag soll anderthalb Millionen überschreiten, also eine Summe, für die die beiden Parlamente zu gewinnen gewesen wären.“

Diesem Protokoll fügt Knipping noch eine Notiz an: „Um diesen streng vertraulichen Mitteilungen nachzugehen, wäre es erforderlich, den ehemaligen Gesandten Paul von Hintze, vielleicht auch Herrn von Maltzan zu hören. Die Höhe der an Ch’en Chin-t’ao gezahlten Summe wird nach anderen Angaben auf rund 10 Mill. $ geschätzt.“

 

Ago Freiherr von Maltzan war von 1912-17 Erster Legationssekretär der Gesandtschaft in Peking. Die Auslassungen dieses anonymen „Vertrauensmannes“ darf  man nicht kommen-tarlos stehen lassen. Der Autor ist „Partei“. Er gehört offensichtlich zu der Gruppe der damaligen deutschen Chinaexperten, die sich der nachträglichen Illusion hingaben, der Kriegseintritt Chinas 1917 “hätte“ vermieden werden können, wenn man die „richtigen“ Leute mit finanziellen Mitteln gewonnen hätte. Diese These ist  unrealistisch. Was hätte es denn genutzt, im Frühjahr 1917 den Präsidenten Li Yüan-hung und das Parlament durch finanzielle Zuwendungen gewonnen zu haben? Im Herbst gewann  Ministerpräsident Tuan Ch’i-jui (Duan Qi-rui) den Machtkampf,  Präsident Li wurde abgesetzt, das Parlament aufgelöst, und Tuan konnte mit dem neu zusammengesetzten und willfährigen Parlament die Kriegserklärung an Deutschland durchsetzen.

Immerhin bieten die „vertraulichen Mitteilungen“ dieses Anonymus einen interessanten Einblick in die Art und Weise, wie die ausländischen Mächte in Peking die chinesischen Politiker regelrecht „kaufen“ konnten.  Dies wird bestätigt durch den Bericht des Admirals Paul von Hintze, der von 1915 bis zum 14.  März 1917 der deutsche Gesandte in Peking war. Nach seiner Rückkunft aus China wurde er Gesandter in Oslo. Dort verfasste er am 3.7.1917 für das AA einen langen Bericht über die letzten Monate in Peking und die vergeblichen Bemühungen, die chinesische Regierung und die Parlamentarier davon abzubringen, die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abzubrechen. Immer wenn von Hintze Geld anbot konnten die Feindmächte im Gegenzug viel höhere Geldmengen zahlen. Hintze schreibt:“In der Nacht vom 1. zum 2. März 1917 ließ ich dem Ministerpräsidenten Tuan Ch’i-jui 1 Mill. $ anbieten. Er antwortete lächelnd, dass dieses Angebot schon überboten wäre. … Während des 5. und 6. März besticht die Entente die Parlaments Mitglieder und andere einflussreiche Personen; Gesamtsumme 13 Mill. $, gleiche Summe als Prämie am Tage des Abbruchs der Beziehungen zu Deutschland versprochen. Ich kann kein Geld mehr auftreiben; die deutschen Kaufleute, die ich angehe, lehnen ab, weil sie ihre Fonds zu günstigen Kursen nach Deutschland remittirt hätten; ich gebe gleich wohl meine letzten 100000 $ hin.“

Dieser Text zeigt deutlich, dass die obige Behauptung des „Anonymus“, das chinesische Parlament habe mit 1 Mill. $ für Deutschland gewonnen werden können, total irrig ist.

Hintzes Bericht ist abgedruckt in dem Buch: Paul von Hintze. Hrsgb. J. Hörter. München 1998, Seite 385-91.

 

Cordes Frau war nach 1919 in Peking geblieben. Er war seit dem Spätherbst 1924 noch zwei- oder dreimal zu Besuch in Peking.  Am 5.7.1927 ist er an Speiseröhren- und Magenkrebs in Breslau gestorben, wo er auch begraben wurde.

Yuksin Cordes, geb. Chou, wurde am 11.02.1881 in Canton geboren. Offizielle Heirat am 10.08.1914.   Sie starb  am 18.06.1934 in Peking.

 

Quelle:  Personalakte des Heinrich Cordes im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin.                                                                                                                        Mitteilungen von Frau Sybille Krägel, geb. Rasmussen.

9 Kinder von Heinrich und Yuksin Cordes:

1. Adelheid (Heidi), * 24.10. 1898 in Shanghai, + 29.6.1994. Verheiratet mit Werner Fuess

2. Antonia (Toni), * 18.10.1902 in Hankou,  + 10.4.1992. Dr.med. am 31.1.1933,  1933    Assistenzärztin an den  Universitätskliniken in Jena, später Ärztin in Apolda, unverheiratet.

3. Charlotte (Lotte), * 24.1.1905 in Canton, + 9.10.1993. Verheiratet mit Paul Wilm,  Kaufmann in China

4. Karl (Karli), * 10.3.1906 in Tientsin, Ingenieur, + 28.7.1985. Verheiratet mit Violetta (Lola)

5. Klara (Clärchen), * 22.10.1907 in Tientsin, + 4.8.1985. Besuchte Gymnastikschule, verh. mit Hans-Werner Rasmussen

6. Ernst, * 16.10.1908 in Tientsin, Schriftsteller und Journalist, + 17.11.1983. Verh. mit Anne Marie Gräfin von Doblhof

7. Bernhard, * 16.8.1910 in Peking, Gärtner, + 21.9.1996

8. Dora, * 15.7.1912 in Peking, Kindergärtnerin, + 1945

9. Friedrich, * 22.1.1914 in Peking, Kaufmann, + 23.12. 1995. Verh. mit Ursel N.N.

 

 

 

 



[1] Der Militärgouverneur Chang Hsün (Zhang Xun) startete am 1.7.1917 eine Restauration der Mandschu-Dynastie, doch scheiterte dieser Versuch nach 14  Tagen. Der erwähnte Liang Tun-yen (Liang Dunyan) war als Außenminister in der neuen Regierung vorgesehen. Cordes kannte Liang spätestens seit 1907, da dieser als damaliger Vize-Außenminister die Verhandlungen zum Bau der Tientsin-Pukou-Bahn zum Abschluß brachte. Der Anleihevertrag für diese Bahn trägt die Unterschriften von Liang Tun-yen, Cordes und Bland.

[2]  Ch’en Chin-t’ao (Chen Jintao) hatte in den 1880er Jahren als einer der ersten Chinesen in den USA studiert, muß also zu den Anglophilen gerechnet werden. Er galt bis 1917 als der führende Finanzexperte Chinas. Auf die Kriegserklärung gegen Deutschland im Herbst 1917 konnte er keinen Einfluß nehmen, denn er wurde im Mai 1917 wegen Unterschlagungen verhaftet und saß mehrere Jahre im Gefängnis.

Eitel, Fritz (1889 – 1968), Arzt (geb. als Karl Fink)

Dr. Fritz Eitel wurde unter dem Namen Karl Friedrich Fink am 15.12.1889 in Nagold geboren, als Sohn des dortigen Königl. Steuerwächters Karl Michael Wolfgang Fink (evangel.) und der Katharine Margarethe, geb. Heß (evangel.). Die Taufe fand am 29.12.1889 statt.  Dr. Eitel hat nach dem 2. Weltkrieg zu erkennen gegeben, dass er auch jüdische Vorfahren hat. Aus den Kirchenbuch- und Standesamt-Eintragungen lässt sich dies nicht bestätigen. Allerdings ergibt sich aus diesen Unterlagen, dass Dr. Eitels Mutter ein uneheliches Kind war, ihr Vater wird in den Urkunden nicht genannt. Dr. Eitels mütterlicher Großvater, dessen Name unbekannt ist, könnte also jüdischer Abstammung gewesen sein.

Fink besuchte das Wilhelms Realgymnasium Stuttgart, Abitur 1908. Studierte Medizin, in Tübingen 5, Kiel 2, Freiburg 1, München 1, Kiel 2 Semester.  Approbation 1.8.1914. Dissertations-Colloquium am 11.8.1914.  Med.Dissertation an der Universität Kiel bei Prof. Lüthje vom 12.11.1914: “Ein Beitrag zur Hernia funiculi umbicalis”. (gedruckt Kiel 1914, 20 S.) Von August 1914 bis Ende 1918 sehr wahrscheinlich Teilnahme am 1.Weltkrieg als Militärarzt. Kam 1919 nach Hamburg, zunächst Assistent an einem Krankenhaus, dann niedergelassener praktischer Arzt. Erste Heirat, ein Sohn aus dieser Ehe. 1921 lebt das Ehepaar bereits getrennt.  Dr.Fink wohnt 1921 am Schwanenwyk und hat seine Praxis in der Heinrich-Hertz-Str. 7 a.  Am 24.8.1921 kommt es zu einem Konflikt mit einer Patientin, Frau Klara Fründt, Ehefrau eines Hafenarbeiters. So weit bekannt hatte Fink mit ihr eine kurze Liaison gehabt, die er beenden wollte. Anscheinend  beabsichtigte sie nun, ihn  irgendwie zu erpressen. Sie sucht ihn in seiner Wohnung  auf und bedroht ihn mit einem Dolch. In dem anschließenden Handgemenge ersticht Dr. Fink die Frau. Er flieht unter dem falschen Namen Walter Kucharski in die Tschecho-slowakei, wird später dort aufgespürt und festgenommen, kann aber wieder entkommen. Die steckbriefliche Personalbeschreibung der Hamburger Polizei lautet: ,,Dr. Fink ist etwa 1,75 bis 1,78 m groß, schlank,  schmächtig, kurz geschorenes, dunkles Haar, vorn an der Stirn etwas gelichtet, länglich schmales Gesicht mit eingefallenen Backen von gelblich brauner Farbe, dunkle Augen, stechender Blick, glattrasiert, früher Anflug von dunkelblondem Schnurrbart, etwas gebogene Nase (Hakennase)”.

Von der Tschechoslowakei aus kehrt Dr. Fink unter dem neuen Namen Fritz Eitel nach Deutschland zurück und klopft bei der Liebenzeller Mission an, ob sie einen Arzt auf dem Missionsfelde benötigt. Am 8.9.1922 wird er Mitglied der Liebenzeller Mission und reist am 2.12.1922 aus Bad Liebenzell ab, über Genua, nach China. Am Hospital dieser Mission in Hungkiang (Prov. Hunan), das von Dr.med. Ernst Witt geleitet wird, ist er nun tätig. Bald danach fiel die Stadt Hungkiang einem Großbrand zum Opfer, bei dem auch die Missionsstation und das Hospital abbrannte. Das Hospital wurde wieder aufgebaut und erhielt den Namen ,,Ai Lien” (Barmherzigkeit).  Am 5.2.1927 Heirat mit der Missionsschwester Anna Gommel. 1927 erhält er den Auftrag, in Changsha ein Missionshospital zu eröffnen Dieses geschieht durch Ausbau eines Hauses, in welchem der britische Gründer der China-Inland-Mission gestorben war. Deswegen erhielt dieses am 1.10.1927 eröffnete   Krankenhaus den Namen ,,Hudson-Taylor-Hospital”.  Von Januar 1934 bis April 1935 hält sich das Ehepaar Eitel zu einem Heimaturlaub in Deutschland auf. Im Sommer 1937 brach der Krieg zwischen Japan und China aus. Im Laufe des Jahres 1938 wurde Changsha mehrmals von den Japanern bombardiert. Die chinesischen Truppen befolgten bei ihren Rückzügen die Politik der “verbrannten Erde”. Demzufolge sollte auch Changsha, falls die Japaner es besetzten, vorher angesteckt werden. Im November 1938 waren die Japaner noch 150 km entfernt. Durch ein falsches Gerücht, die Japaner seien auf dem Anmarsch, bereiteten die chinesischen Befehlshaber eine gewaltige Brandstiftung vor, und zwar im geheimen, die Bevölkerung Changshas wurde nicht gewarnt. In der Nacht vom 12. auf den 13.Nov. 1938 wurde die Stadt an mehreren Stellen angezündet, die ahnungslosen Einwohner versuchten die Brände zu bekämpfen, Hunderte wurden von den Soldaten erschossen. Die Altstadt Changshas bestand  fast gänzlich aus Holzhäusern und engen Gassen. Das Feuer breitete sich so schnell aus, daß viele nicht mehr den Weg herausfanden, man schätzt, daß 30000 bis 40000 ums Leben kamen. Tschiang Kai-shek kam sofort nach Changsha und hielt ein Standgericht. Der Chef der Polizei, der Stadtkommandant und ein Regimentskommandeur wurden sofort erschossen. Tatsächlich ist Changsha während des Krieges nie von den Japanern erobert worden. Das Hudson-Taylor-Hospital wurde bei diesem Brand zerstört. Dr.Eitel zog mit den Patienten um in das Hunan Bible Institute, das außerhalb der Altstadt lag und unversehrt blieb. Im März 1939 fuhr er noch einmal zu einem Heimaturlaub nach Deutschland. Im Mai 1939 wird Dr.Eitel, da er noch immer auf der Fahndungsliste der Polizei steht, wegen der ,,Mordsache Fründt”, in Bad Liebenzell verhaftet und nach Hamburg in das Untersuchungsgefängnis gebracht. Am 17.9.1939 wird er von einem Hamburger Schwurgericht ,,wegen Totschlags zu 2 Jahren Gefängnisstrafe” verurteilt. Die Strafe wird an­scheinend gegen Bewährung ausgesetzt, und im März 1940 fährt das Ehepaar Eitel, wohl über Sibirien, nach Changsha zurück. Das relativ milde Urteil war unter anderem auch darauf zurückzuführen, daß bei der Verhandlung zahlreiche positive Gutachten aus China vorlagen, in denen es z.B. hieß: ,,ein genialer Arzt” oder ,,sein Leben war Dienst an den Kranken” oder ,,als Arzt und Mensch genoß er großes Ansehen”.

Am 27.9.1940 wurde zwischen Deutschland, Italien und Japan der ,,Drei-Mächte-Pakt” geschlossen. Seitdem verschlechterten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Kuomintangregierung in Tschungking, und 1941 kam es zur Kriegserklärung. Ein Teil der Deutschen wurde interniert, ein Teil konnte bleiben, die Deutschen in Changsha wurden im Oktober 1941 des Landes verwiesen. Sie begeben sich in den Teil Chinas, der von den Japanern besetzt ist, und so kommen Herr und Frau Eitel wie auch die Krankenschwester Elise Fischer im Januar 1942 nach Tsingtau. Da Dr.med. Blombach im Nov. 1941 nach Deutschland zurückkehren mußte, wird Dr.Eitel der neue Partner von Dr.med. Hans Schmidt am Faberkrankenhaus, und er richtet auch eine Privatpraxis ein. Dr.Eitel ist sehr musikalisch, er spielt Flöte, und so finden häufig Kammerkonzerte in seinem Hause statt, bei denen u.a. der jüdische Zahnarzt Dr.Eisenberg (Violine) und dessen Frau (Klavier) mitwirkten. Der Zufall wollte es, daß weitere Missionare der Liebenzeller Mission aus Hunan von 1941 bzw. 1943 bis 1946 in Tsingtau weilten (Bär, Bender, Gresse, Grohmann, Seiler). Sie waren im Sommer 1941 auf dem Wege zu einem Heimaturlaub in Deutschland, als der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion begann. So war ihnen der Weg über  Sibirien versperrt und sie wählten Tsingtau als temporären Aufenthaltsort.

Von 1942 bis Anfang 1947 leben die Eitels in Tsingtau, dann kehren sie nach Changsha zurück, wo sie am 21.5.1947 eintreffen. Zwei Jahre später, beim Herannahen der Kommunisten, verlassen sie endgültig China und reisen über die U.S.A. (Juni 1949) heim nach Deutschland. Von Nov. 1949 bis Febr. 1950 ist Dr.Eitel für die Quäker in Palästina, in den Flüchtlingslagern der Araber, tätig.  Im März 1950 besucht er, über Schweden, die U.S.A.  Bis zum Herbst 1951 wohnt das Ehepaar Eitel in Deutschland oder der Schweiz. Dann schickt ihn die Liebenzeller Mission nach Japan, wo er am 7.10.1951 in Tokio eintrifft. Er wohnte zunächst in der kleinen Missionsstation von Nakanoschima. Bereits im Mai 1952 bestand er das japanische ärztliche Examen. Nun konnte er in seiner Sprechstunde, die er bereits abhielt, auch Japaner behandeln. Im Nov. 1952 ging er nach Tokio an die Shibuya-Klinik der Liebenzeller Mission. Es war eine Poliklinik, dort wohnte er und hielt seine Sprechstunden ab.  In der Seibo-Byon-Clinic, einem internationalen Krankenhaus mit englischen Schwestern, operierte er und konnte ca. 5 Betten mit seinen Patienten belegen. Außer ihm belegten in diesem Hause auch ausländische Ärzte. Sein Assistent war der japanische Chefarzt des Hauses. Dr.Eitel behandelte und operierte hier die Angehörigen der Liebenzeller Mission sowie Botschaftsangestellte, auch war er Vertragsarzt der Swiss-Air. Von Juni bis Okt. 1958 war das Ehepaar Eitel zu einem Heimaturlaub in Deutschland. Frau Anna Eitel starb am 17.4.1959 in Tokio.

Anläßlich seines 75.Geburtstages erhielt Dr.Eitel am 1.12.1964 in Anerkennung der um die Bundesrepublik Deutschland erworbenen besonderen Verdienste das Bundesverdienstkreuz l.Klasse. Schwer erkrankt flog Dr.Eitel im Januar 1968 nach Zürich, kam in das Diakonissen-krankenhaus Bethesda in Basel und wurde am 2.2.1968 nach Deutschland überführt in das Kreiskrankenhaus Calw, wo er am 8.Febr. 1968 starb. Sein Grab ist auf dem Kirchhof in Bad Liebenzell.  Nagold (Geburtsort), Calw (Sterbeort) und Liebenzell (Begräbnisort) liegen alle im Nagoldtal !

Anna Barbara Gommel

* in Mühlhausen a.d.Enz am 29.1.1895

Eintritt in das Missionshaus Bad Liebenzell am 1.11.1917. Als Schwester tätig in Unteriflingen (Schwarzwald) 1919-22. Ausreise nach China am 25.11.l922 als Missionarin. Einsatz in Yüanchow und Hungkiang.

Heirat am 5.2.1927 mit Dr.med.Fritz Eitel

+ Tokio 17.4.1959

Schnock, Friedrich (1871 – 1937), Ingenieur

Friedrich Schnock wurde am 18.09.1871 in Kiel geboren. Er absolvierte eine Ingenieur-Fachhochschule mit summa cum laude. 1899 wurde er von der Firma C. Vering engagiert für den Bau eines Großen Hafens in Tsingtau, als zweiter Wasserbauingenieur neben dem Chefingenieur John Stickforth. 1904 wurde Mole I, 1905 die Mole II fertig gestellt. Er war nicht verheiratet und residierte in einem neu gebauten Wohnhaus in der Nähe des Hafengeländes. 1907 beendete er seine Tätigkeit in Tsingtau und ging nach Südchina. In Kanton erhielt er den Auftrag, einen Stadtplan im großen Maßstab 1:5000 herzustellen. Dieser wurde 1907 im Justus Perthes Verlag in Gotha gedruckt mit dem Titel: „Canton with Suburbs and Honam – Surveyed by Mr. F. Schnock, Engineer“.   Die Karte hat Beschriftungen in Englisch und Chinesisch.

Laut Familienüberlieferung war Schnock in weiteren Städten Chinas tätig. In Shanghai lässt er sich von 1911 bis 1919 nachweisen, wo er eine Baufirma gründete. Das Geschäftslokal lag im International Settlement im Stadtteil Hongqiao, 8 Wayside Inn.  Die Firma hatte vier deutsche Angestellte: Ludwig Euler, Louis Torbohm, Georg Dalles und Georg Pfluger (Bauführer).  Alle vier verlor er durch den Beginn des 1. Weltkrieges. Sie mussten zum Wehrdienst nach Tsingtau sich begeben, wo sie, nach Eroberung der Stadt, in japanische Kriegsgefangenschaft gerieten. Schnock blieb in Shanghai bis zur Zwangsrepatriierung nach Deutschland im Frühjahr 1919.

(Die Angaben zu Kanton und Shanghai verdanke ich Herrn Harald Richter, dem an dieser Stelle dafür gedankt sei.)

Im Jahre 1920, während einer Bahnfahrt, 1. Klasse, von Berlin nach Hildesheim, lernte er Charlotte N.N. (aus Berlin) kennen und stellte ihr spontan einen Heiratsantrag, den sie annahm. Er war nun 49 Jahre alt, sie 23 Jahre (* 28.04.1897, sehr wahrscheinlich in Berlin). Damit  seine Frau (genannt Lotti) Ostasien kennenlernt, machte er mit ihr eine Hochzeitsreise auf einem englischen Schiff nach China und wieder zurück.

Schnock war damals offensichtlich in Neustrelitz beschäftigt. Hier wurde 1921 der Sohn Herbert und 1923 der Sohn Detlev geboren, letzterer wurde aber nur 6 Wochen alt. 1924 beschloss Schnock, nach China zurückzukehren. Mit Frau und Kind ließ er sich als Zivil-ingenieur in Tsingtau nieder, wo 1925 die Tochter Christa geboren wurde. Offensichtlich lebte er von wechselnden Aufträgen, war u.a. Vertreter der Shanghaier Baufirma Yao Ling Kee,   oder eine Zeitlang bei der Tobacco Development Co. beschäftigt. Ab Februar 1927 war er „consultant engineer“ beim Tsingtauer Hafenamt.  Auch die chinesische Stadtverwaltung setzte ihn bei bestimmten Projekten ein, z.B. bei der Erweiterung der Tsingtau Brücke, an deren Spitze ein Pavillon im chinesischen Stil hingesetzt wurde.  Als 1933-34 das neue Luxushotel „Edgewater Mansion“ auf der Halbinsel Hui Quan Huk am Badestrand Tsingtaus errichtet wurde, baute Schnock die dazu gehörigen Kaianlagen.

Aber 1935 entschied sich Schnock, nun 64 Jahre alt, mit Familie nach Deutschland zurückzukehren. Dort ergab sich für ihn sehr bald die Notwendigkeit, aus vermögens-rechtlichen Gründen noch einmal nach Tsingtau zu fahren. Er tat dies bereits Ende 1935.   Dort ist Friedrich Schnock am 28.12.1937 gestorben, wahrscheinlich durch einen Herzinfarkt. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof Tsingtaus beigesetzt.

Troschel, Ernst (1868 – 1915), Marine-Oberbaurat

Geboren  in Stargard / Pommern 8.4.1868, gefallen in Flandern 1915 als Oberstleutnant.

Marine-Hafenbaumeister Troschel übernahm 4.9.1903 Leitung der Bauabteilung I (Hafenbau)  in Tsingtau. Blieb dort bis 1905. Sein unmittelbarer Chef während dieser Zeit war Baudirektor Julius Rollmann.  1905 entwarf Troschel für Wilhelmshaven die Kaiser-Wilhelm-Brücke. Sie war damals die größte europäische Doppeldrehbrücke. Ausgeführt wurde sie zwischen 1905 und 1907 durch die Firma MAN Nürnberg. (Die Brücke weist viele Schäden auf und wird z.Zt. für viele Millionen EURO saniert. Im Jahr 2012 soll die Sanierung beendet sein. Sie ist nach wie vor die größte deutsche Drehbrücke) Auch baute Troschel den Hafen von Tanger. Nach der Verabschiedung aus der Kaiserlichen Marine war er Direktor bei den Rütgers-werken in Berlin. Gab  das „Handbuch der Holzkonservierung“ heraus. Bei der Mobil-machung 1914 wurde er zum Heeresdienst einberufen. Er fiel 1915 bei den Kämpfen in Flandern.

Ernst Troschel heiratete um 1895 die Medizinstudentin Elise Schulz aus Köslin / Pommern. 1898 promovierte sie in Bern. 1902 wurde sie die erste Ärztin in Deutschland mit dem Staats-examen einer deutschen Universität. Dem Ehepaar Ernst und Elise Troschel wurden 7 Kinder geboren. Während des Tsingtau Aufenthaltes kamen zur Welt Wiegand (* 11.2.1904) und Tsing-Ming Gerda (* 20.9.1905). Frau Dr. Troschel unterhielt in Tsingtau eine private ärztliche Praxis. (Sie ist geboren 1869, gestorben 1952. 1949 verfasste sie ihre Auto-biographie mit dem Titel: „50 Jahre Dr.med.“  Der Text wurde 1996 gedruckt.)

Der Sohn Hans, * 1899, wurde Kunsterzieher, Maler und Schriftsteller. Buch: „Der See  der Milane“. – Das grüne Dreieck mit der schwarzen Flugbildzeichnung eines schwebenden Seeadlers für Naturschutzgebiete stammt von Troschel. Seit der Wende (1990) ist es durch die Eule ersetzt worden.  – Er starb 13.3.1979 in Oldenburg.  (Quelle: Wilhelmshavener Heimatlexikon 1986, hrsgb. von Werner Brune)

Juchheim, Carl (1886 – 1945), Bäcker und Konditor, und Elise Juchheim (1892-1971)

Eine biographische Skizze, zusammengestellt von Wilhelm Matzat

Zur Biographie von Carl und Elise Juchheim erschien 1964 auf japanisch die „Geschichte der Juchheim’s Konditorei“, verfasst von Ichijiro Etajima.  Hauptquelle waren die Erzählungen von Frau Elise Juchheim gewesen, viele Interviews mit ihr waren auf Tonband festgehalten worden. Offensichtlich wurde japanischerseits auch eine deutsche Übersetzung angefertigt. Da sie wohl Schwächen aufwies, wurde Frau Dorothea Heinze von der Firma beauftragt, eine Neufassung in korrekterem Deutsch zu erstellen. 1976 erschien sie in Japan als Privatdruck in maschinen-schriftlicher Fassung mit dem Titel: „Dennoch bleibe ich standhaft. Geschichte der Konditorei Juchheim’s“. 51 Seiten, mit einem Foto von Elise Juchheim auf dem Titelblatt.   In demselben Jahr 1976,  anlässlich der Eröffnung eines Café Juchheim in Frankfurt/Main, wurde dort eine zweite deutsche Übersetzung des Etajima Textes herausgebracht, diesmal übertragen von Prof. Nakaba Terakawa. Der Titel: „Juchheim’s Konditorei zwischen zwei Kontinenten“. 36 Seiten.  Beide Texte bringen auch die Weiterentwicklung der Firma Juch-heim von 1964 bis 1976. Weiterlesen

Die deutsche „Kaiserliche Gouvernements-Schule“ in Tsingtau 1899 – 1920, ein Reform-Realprogymnasium

Die deutsche Schule in Tsingtau ist bis 1914, neben Windhuk in Südwest, wohl die einzige Reichsschule in Übersee gewesen, die vollständig vom Deutschen Reich unterhalten wurde.  Zu Beginn soll die Hauptquelle, die für eine Geschichte der  Schule in Tsingtau 1899 – 1920 zur Verfügung steht, vorgestellt werden.  Ab 1903/04 hat der Direktor jeweils im Juli einen gedruckten Bericht veröffentlicht, der sich auf die Ereignisse des abgelaufenen Schuljahres bezieht. Insgesamt sind so von Juli 1904 bis Juli 1914 elf Jahresberichte erschienen, im Umfang von jeweils 20-22 Seiten. Alle haben dasselbe inhaltliche Schema: I. Lehrverfassung. a) Über-sicht über die Lehrgegenstände und die für dieselben bestimmte Stundenzahl. b) Übersicht über die Verteilung der Stunden unter die einzelnen Lehrer. c) Übersicht über die während des Schuljahres erledigten Lehraufgaben. Für alle neun Klassen, von der untersten, der 3. Vorschulklasse, bis zur Untersekunda wird zunächst der Klassenlehrer genannt, und dann für jede Klasse ausführlich bei jedem einzelnen Fach angegeben, welche Themen behandelt wurden. Im Fach Deutsch werden auch die gestellten Themen der Aufsätze erwähnt. Im letzten Bericht von 1913/14 nimmt dieser Teil, I.c., allein sieben enggedruckte Seiten ein. d) bringt die Themen des katholischen Religionsunterrichtes für die einzelnen Klassen, und e) die Aufgabenbereiche des technischen Unterrichts (Linearzeichnen, Freihandzeichnen, Singen, Handarbeit, Turnen).   f) bringt ein Verzeichnis der eingeführten Lehrbücher. Abschnitt II enthält die Chronik des abgelaufenen Schuljahres, zum Schluß werden die gestellten Aufgaben für die schriftlichen Klausuren der Einjährigenprüfung angeführt. Teil III nennt sich „Statistische Mitteilungen“ mit Tabellen der Schülerzahl pro Klasse, der Religions- und Heimatverhältnisse der Schüler, der Frequenz der letzten 5 Jahre und den Namen der Schüler, die nach bestandener Schlußprüfung die Schule verlassen. Abschnitt IV nennt jedes Buch, jede Landkarte, jedes Gerät, das in dem Jahr angeschafft oder geschenkt wurde. Zum Schluß bringt Teil V Mitteilungen an die Schüler und ihre Eltern, u.a. über die Ferientermine, die Höhe des Schulgeldes usw.   Vielleicht gibt es für keine andere deutsche Schule über elf kontinuierliche Jahre hin eine so dichte und detaillierte Information über alles, was dort gelehrt wurde, welche Lehrbücher man verwendete, welche Titel die Lehrer- und Schülerbibliothek besaß und anderes mehr. Nur zwei- oder dreimal wurde in diesen 11 Jahrgängen vom üblichen Schema abgewichen. Ein einziges Mal brachte ein Jahresbericht, und zwar der von 1905/06, die Namen aller 65 Jungen mit Geburtstag und –ort, sowie dem Beruf des Vaters. Der Jahresbericht 1910/11 bringt Kurzbiographien aller damaligen Lehrer, und in den späteren Annalen werden bei neueingestellten Lehrern auch ihre Kurzbiographien angeführt, was vor 1910 nie der Fall war.
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Rohde, Carl – Kaufmann (ca. 1871 – 1923)

 In Hamburg gab es vor 1900 eine Speditionsfirma Matthias Rohde & Co. Ein Mitinhaber war um diese Zeit  Georg Rohde (* in Hamburg 1868, + in Schwerin 1944). Ebenfalls tätig in dieser Firma war Carl Rohde, ein Vetter des Georg.  Carl stammte aus Bremen und war 1898 für die Firma in New York tätig. Diese schickte ihn 1898 nach Tsingtau, er sollte die Leitung der Kiautschau-Gesellschaft m.b.H. vor Ort übernehmen. Im Tsingtauer Handelsregister ist sie mit der Nummer 1 als die erste Firma Tsingtaus eingetragen! Diese war von den Firmen Matthias Rohde & Co. und von Tippelskirch & Co. (Berlin) als allgemeine Handels-gesellschaft gegründet worden (Agentur, Commission, Spedition, Import). Geschäftsführer der Dachfirma waren Hermann und Ferdinand Hecht von der Firma Pfeiffer & Co. in Berlin, Ritterstr. 48. Ihre Vertretungsbefugnis erlosch aber am 31.1.1901. Rohde ließ 1900 bis Mai 1901 in Tsingtau an der Ecke Prinz Heinrich Str. und Albert Str. ein großes, mehrgeschos-siges Geschäftshaus errichten, das an verschiedene Nutzer vermietet wurde, u.a. zog die Hauptpost dort ein. (Die Deutsche Reichspost kaufte das ganze Gebäude im April 1911).   Dieses Gebäude steht auch heute noch. Rohde vertrat die Ostasieninteressen der Firma Matthias Rohde & Co., er ermöglichte ihr die großen Kohlen-Charter-Geschäfte für die deutsche Reichsmarine. Spätestens ab 1902 war Rohde dann auch Mitinhaber der Kiautschau-Gesellschaft. Am 7.7.1903 schied Rohde als Geschäftsführer der Kiautschau-Gesellschaft aus, sein Nachfolger war Carl Weiss. 1904 oder Anfang 1905 verließ Rohde die Kiautschau-Gesellschaft m.b.H. und wurde Mitinhaber der größten Kaufhaus-Gesellschaft  in Tsingtau: Sietas, Plambeck & Co.  Von den 3 anderen Mitinhabern dieser Firma hatten zu dem Zeitpunkt 2 sich bereits aus China verabschiedet. Jürgen Block und Heinrich Plambeck lebten in Hamburg, nur Hans C. Augustesen befand sich in Tsingtau. Zusammen mit ihm gehörte Rohde nun bis zum Kriegsbeginn 1914 zu den führenden Großkaufleuten der Stadt. Die Firma hatte 1905 ca. 20 deutsche Angestellte, darunter 3 Schlachter, 1 Conditor, 2 Landwirte. Außerdem hatte sie Zweiggeschäfte in Tschifu (Yantai) und später in Tsinanfu. 1905 betrieb sie: Import, Spedition, Versicherung, Lagerhäuser, Schiffshändler, Schlachterei, Dampf-bäckerei, Eisfabrik und Kühlräume, Wasserboote, ein komplettes Lager aller Warengattungen, dazu einen landwirtschaftlichen Betrieb, den Alsenhof, der neben der Germania Brauerei lag.

Später kaufte die Firma das Prinz-Heinrich-Hotel und das Strandhotel, errichtete 1912 das Logierhaus als Annex zum Prinz-Heinrich-Hotel und kaufte schließlich 1914 auch das Central Hotel. Natürlich war die Gesellschaft auch Agentur für mindestens 15 Firmen in der ganzen Welt, darunter die Speditionsfirma Matthias Rohde & Co. in Hamburg. Für diese Verbindung hatte natürlich Carl Rohde gesorgt.

Er war nicht verheiratet. Geboren war er ca. 1871, damit rund 43 Jahre alt, als der Krieg begann. Am 20.8.1914 wurde er als Gemeiner zum Landsturm einberufen, aber für dienstuntauglich aus gesundheitlichen Gründen erklärt. Dementsprechend wurde er nach dem 7.11.1914 von den Japanern zunächst nicht behelligt. Diese inhaftierten aber am 14.1.1915 viele deutsche Männer, die im Landsturm tätig gewesen waren, darunter auch Carl Rohde. Sie wurden alle in japanische Kriegsgefangenschaft gebracht.  Rohde traf am 27.1.1915 in Osaka ein. Am 5.2.1915 stellte er den Antrag, als Nichtkombattant wieder entlassen zu werden, doch hatte er, wie viele andere, keinen Erfolg damit. Später war Rohde im Lager Ninoshima. Ende 1919 kam die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und Rohde kehrte nach Tsingtau zurück.

1923 hielt er sich im Sommer in Japan auf und erlitt durch das große Erdbeben in Tokio-Yokohama am 1.9.1923 einen Schlaganfall, an dem er verstarb.

Doenitz, Paul, Dr.phil., (1866 – 1955) Gymnasialprofessor

Geb.: 05.10.1866 in Trebnitz an der Saale; gest. 08.01.1955 in Erfurt.

(Diese biographische Skizze wurde verfasst von Dietrich Doenitz und Wilhelm Matzat)

Paul Julius August Dönitz war das erste Kind des Gutsbesitzers Johann Karl Julius Dönitz und seiner Ehefrau Pauline Friedericke.

Nach dem Besuch der Dorfschule wechselte er 1878 an die Lateinische Hauptschule der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo er 1887 sein Abitur ablegte.
 
Es folgte das Studium in den Fächern Geschichte, Geographie und Germanistik in Tübingen, Kiel, Berlin und Halle.  Am 31.10.1891 promovierte er in Halle im Fach Geschichte zum Dr.phil. mit der Dissertation: „Über Ursprung und Bedeutung des Anspruches der Päpste auf Approbation der deutschen Königswahlen.“ (63 S.). Nach abgelegtem Staatsexamen (24. Juli 1893) leistete er das Seminar- und Probejahr an den Königlichen Gymnasien zu Danzig und Strassburg i.Westpreußen ab.

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Tuczeck, Paul, Prof. (1858-1932), Schuldirektor

* 13.6.1858 in Plauen i.V.   Abitur dort 1879. Studium von Mathematik und Physik in Dresden, Heidelberg und Halle. 1885 das 1.Staatsexamen für das höhere Lehramt. Von 1885-87 Studienreferendar in Trier und Düsseldorf. 1887-89 Hauslehrer in Buenos Aires. 1889-98 Lehrer an der deutschen Schule in Valparaiso/Chile. Ostern 1899 bis August 1902 Oberlehrer am Fürstlichen Gymnasium in Sondershausen. Ankunft in Tsingtau 9. Okt. 1902, bis Frühjahr 1920 dort Leiter der Kaiserlichen Gouvernementsschule. Im März 1907 wurde ihm der Charakter als Professor mit dem Range der Räte 4. Klasse verliehen. 1910 erhielt er folgende Ernennungsurkunde: „Im Namen des Kaisers. Der bisherige Oberlehrer Professor Paul Tuczeck wird hiermit zum Direktor der Lehranstalten für europäische Schüler in Tsingtau ernannt und bestellt. Berlin, den 19.9.1910. gez. i.V. v.Tirpitz“.

Bei der Belagerung Tsingtaus im Herbst 1914 war Tuczeck wegen seines Alters nicht im Wehrdienst eingesetzt worden, er hatte sich dem Zivilkommissar Günther zur Verfügung gestellt. Dadurch konnte er nach der Besetzung durch die Japaner in Tsingtau bleiben und ab Januar 1915 den dort verbliebenen Kindern wieder Unterricht erteilen, mit Unterstützung durch Hilfskräfte wie etwa die Missionare R.Wilhelm und J.Voskamp. Im Frühjahr 1920 Rückkehr nach Deutschland, lebte in Braunschweig, wo er am 8.11.1932 gestorben ist. Frau Tuczeck lebte bis 1951 in Braunschweig, zog dann nach Karlsruhe, wo sie 1953 gestorben ist. Das Ehepaar hatte 2 Töchter: Elena Mercedes * Valparaiso 13.1.1893, und Margarethe * Valparaiso 8.5.1894. Letztere heiratete einen Herrn Ruoff, sie lebte um 1978 herum in Karlsruhe. Sie stiftete dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg i.B. die 6 von Tuczeck mit der Hand geschriebenen Jahresberichte der Deutschen Schule in Tsingtau von Jan. 1915 bis Febr. 1920. Es handelt sich bei den 4 letzten Jahresberichten von 1916 bis 1920 um ein Unikat.

Lazarowicz, Werner, (1873-1926), Architekt

Geboren am 22.05.1873 auf dem Gut Sigmundshof in der Provinz Westpreußen., gestorben in Peking 28.04.1926.  Besuch der Schule in Elbing, dann der Hochschule in Danzig. Ausbildung zum Bautechniker.

Als das Deutsche Reich im Jahre 1898 in China an der Bucht von Kiautschou ein Gebiet für 99 Jahre pachtet, um dort einen Flotten- und Handelsstützpunkt einzurichten, ergeben sich logischerweise große Bauaufgaben (Hafenbau, Eisenbahnbau, Städtebau). Das Gebiet untersteht dem Reichsmarineamt und für die zukünftige Bauabteilung wirbt es im Frühjahr 1898 um Personen vom Baufach, die bereit sind, beim Bau der neuen Stadt Tsingtau mitzuwirken. Lazarowicz ist 25 Jahre alt und bewirbt sich für die Hochbauabteilung des Gouvernements in Tsingtau. Er ist der erste von dieser Abteilung, der (zusammen mit Prüß),  in Tsingtau eintrifft (am 16.6.1898). Eigentlich hätte sein zukünftiger „Chef“, der Berliner Stadtbaumeister Max Knopff, gleichzeitig mit ihm ankommen müssen. Dieser war aber noch in Deutschland erkrankt und musste später abfahren, er kam erst am 3.8.1898 an. Eine der ersten ganz wichtigen Baumaßnahmen war die Errichtung eines Lazaretts. Man kann davon ausgehen, dass Lazarowicz, der bald den Spitznamen „Lazarus“ hatte, bei der Errichtung aktiv beteiligt war, denn im 1. Adressbuch Tsingtaus mit dem Stand vom 15.1.1901 wird vom „Techniker Lazarowicz“ als Adresse angegeben: Bürobaracke beim Lazarett“. Im März 1901 bestand er eine Prüfung, unter der Leitung der Regierungsbaumeister Gromsch, Born und Bernatz, als Technischer Sekretär (DAW 15, 03.03.1901).

Er wird dadurch in der Hochbaudirektion neben dem Regierungsbaumeister Karl Strasser der zweite Mann und bleibt es mit diesem zusammen bis 1914. Erst als Strasser 1912 den Titel: Intendantur- und Baurat erhält,  ändert sich auch Lazarowicz’s Titel 1913 zu: Intendantur- und Bausekretär. Gewohnt hat L., der nie geheiratet hat, bis 1914 in dem Haus Lazarettweg 4 (Pingyuan Road),  das offensichtlich eine Dienstwohnung des Gouvernements war.

Obwohl Bauakten und Bauzeichnungen der Tsingtauer Hochbauabteilung in großem Umfang erhalten sind (jetzt im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg), ist aus ihnen nur selten zu erkennen, welcher Mitarbeiter welche Entwürfe gemacht hat. Der monatliche Bericht wird meistens pauschal von Strasser unterschrieben. Nur in einem Fall ist die Sachlage eindeutig: für den Bau der neuen Residenz des Gouverneurs am Signalberg wird 1905-07 eine Unterabteilung gebildet, als deren Leiter L. eingesetzt ist. Seine technischen Mitarbeiter sind die Architekten Fritz Biber und Paul Hachmeister. Zwar gibt es mehrere Vorentwürfe anderer Architekten, aber der endgültige Bauentwurf der Residenz stammt von L.  Er hat dann auch die Bauleitung. Diese Residenz ist Lazarowicz’s  „Meisterstück“, sie ist heute Museum und von den Touristen viel besucht. Christoph Lind, der schon als Student der Kunstgeschichte eine Magisterarbeit über dieses Haus verfasst hatte, hat in seiner Dissertation (1998, S.156-68) eine endgültige Beschreibung und Analyse dieses Bauwerks gegeben.

Dass L. hin und wieder auch auf dem privaten Sektor tätig war, darüber gibt ein Zeitungsbericht Auskunft über die Eröffnung des Tsingtau Clubs im Oktober 1911. Der Bauentwurf stammt von Curt  Rothkegel, aber die Kiautschou-Post, Okt. 1911, S. 241, schreibt dazu: „Rothkegels Entwurf wurde jedoch nach den Angaben des Herrn Lazarowicz, der sich durch seine Beaufsichtigung des Baues den Dank der Klubmitglieder in hohem Maße erworben hat, den hiesigen Bedürfnissen entsprechend, wesentlich umgestaltet. Der weitaus größte Teil der Inneneinrichtung ist von den hiesigen chinesischen Tischlerfirmen Ho Sing ki und An Tschang nach den überaus geschmackvollen Plänen und Zeichnungen des Herrn Lazarowicz angefertigt worden.“

Als im August 1914 der Krieg mit Großbritannien und dann Japan begann, konnte L. als Ganzinvalide sich nicht an der militärischen Verteidigung beteiligen. Seine Kollegen von der Hochbauabteilung: Strasser, Hachmeister, Biber wurden nach dem 7. Nov. in die Gefangen-schaft nach Japan gebracht, da sie bei der Verteidigung mitgewirkt hatten, wenn auch nur im Landsturm oder in der Landwehr. L. dagegen konnte nach der Besetzung durch die Japaner als Zivilist Tsingtau verlassen. Auf Bitten seines Freundes, des Architekten Curt Rothkegel, der in Peking eine Baufirma hatte, ging L. dorthin und wurde Compagnon in dieser Firma, die während des Krieges 1914-20 von Frau Rothkegel weitergeführt wurde. Rothkegel selbst hatte als Pionieroffizier an der  Verteidigung Tsingtaus mitgewirkt und war bis Anfang 1920 in japanischer Gefangenschaft. Über L. schreibt Frau Rothkegel in ihren Aufzeichnungen: „Er war sehr kunstsinnig und als Beamter nicht gewöhnt zu rechnen, was aber für ein Geschäft unablässig ist. Es dauerte ein volles Jahr bis wir beide uns ‚eingebissen’ hatten, denn ich wollte gemäss der Arbeitsweise meines Mannes alles weiterleiten“.

Anfang 1920 kam Rothkegel aus der japanischen Gefangenschaft zu seiner Frau und den zwei Söhnen nach Peking zurück. Lazarowicz schied daraufhin aus der Firma Rothkegel & Co. aus und gründete zusammen mit seinem Tsingtauer Kollegen Paul Hachmeister ein eigenes Architekturbüro. Es wurde dann noch eine Filiale in Mukden gegründet, so dass Hachmeister  sich hauptsächlich in Mukden aufhielt. Er war als Techniker von ca. 1904 bis 1914 in der Hochbauabteilung des Tsingtauer Gouvernements beschäftigt gewesen, musste aber wie Rothkegel die Zeit von Nov. 1914 bis Anfang 1920 in japanischer Kriegsgefangenschaft verbringen.

Über die Persönlichkeit des Lazarowicz erfährt man einen kleinen Eindruck aus der Schilderung von Paul Wilm in seiner Autobiographie: „Damals“. Er kam 1924 aus Deutsch-land als Agrarfachmann nach Peking zu seinem Onkel, Herrn Eggeling. Wilm schreibt (S.29):

„Onkel Bob [Eggeling] hatte nur morgens wirklich Zeit für mich. Chinesische Herren, die direkt oder indirekt mit den chinesischen Ministerien zu tun hatten, beanspruchten ihn besonders auch in den Abendstunden mit Bankgeschäften höherer Kategorie, speziell Regierungsanleihen für Eisenbahnbau. Dafür ging Herr Hermann Schmidt gerne in den Deutschen Klub. Zu diesem nahm er mich mit und machte mich bei anwesenden Mitgliedern bekannt. Der Deutsche Klub befand sich in einem größeren chinesischen Anwesen in der Chin Yue Hutung — Goldfischgasse. Die Mitglieder saßen an einer langen Tafel, tranken Bier und unterhielten sich miteinander. Wie ein Vorsitzender saß an der Spitze der Tafel auf einem besonders großen Stuhlsessel eine geradezu gewaltige Gestalt, der Architekt Herr Lazarowicz. Ebenso gewaltig wie seine Gestalt war seine tiefe Stimme. Er begrüßte mich mit den Worten: „Wo bleibt denn Ihr Onkel? Der läßt sich hier ja kaum noch blicken.“ — „Der hat viel zu tun.“ war meine Antwort. „Das sollte er lieber nicht übertreiben.“ war sein Kommentar. Herr Hermann Schmidt stellte mich dann dem derzeitigen Klubvorsitzenden, Herrn Walther Frey, ebenfalls Architekt, vor und damit war ich als Mitglied akzeptiert. Noch ein dritter Architekt war anwesend, Herr Basel, der Partner von Herrn Frey. Dieser zeigte mir auch die anderen Klubräume, Lesezimmer, Bibliothek und Spielstube, in welch letzterer man sich ungestört dem Domino-, Madschong- oder Kartenspielen widmen konnte. Diese Räume wurden auch, besonders nachmittags, von den Damen der Klubmitglieder bevölkert. Erzählen möchte ich noch, dass in der warmen Jahreszeit häufig die abendliche Tafelrunde bzw. Bierrunde in einen der Höfe des Klubanwesens verlegt wurde. Auch hier erlebte ich Herrn Lazarowicz als Quasivorsitzenden am Kopfende der langen Tafel. Einmal war es so warm, dass man viel trinken musste. Wenn Herr Lazarowicz dann ein Glas geleert hatte, warf er es mit Schwung über seine Schulter hinter sich. Er erfreute sich und andere am Geräusch der zerklirrenden Gläser. Niemand fand das außergewöhnlich, und manchmal folgten auch andere seinem Beispiel. Lazarus, so wurde er gelegentlich genannt, starb übrigens etwa ein halbes Jahr später an Herzversagen. In keinem der vielen Sarggeschäfte Pekings war für seine gewaltige Gestalt ein fertiger Sarg zu finden. Es musste einer maßgeschreinert werden.”

Am 28.04.1926 ist Werner Lazarowicz in Peking gestorben. Auch sein Compagnon Paul Hachmeister ist später in Peking verstorben.